Wutbürger

Ich bin Wutbürger

Von jemandem, der diesen Staat eigentlich im Blut hat – und genau deshalb nicht mehr schweigen kann.

Ich muss etwas gestehen: Ich bin wütend. So richtig wütend. Ein Wutbürger.[1]

Aber nicht von der Sorte, die mit Aluhut auf Kundgebungen steht oder den Umsturz träumt. Meine Wut speist sich nicht aus Hass auf die Demokratie, sondern aus der tiefen Verzweiflung darüber, wie fahrlässig und zynisch derzeit mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung umgegangen wird.

Mein politisches Bewusstsein begann mit einem Satzungsfehler. 1980, Gründung der Jungen Liberalen.[2] Als die erste Satzung verabschiedet werden sollte, hob ich die Hand: „Die Satzung geht so nicht.“ Auf die erstaunte Frage nach dem Warum antwortete ich kurz: „Ich bin 15 Jahre alt.“ Laut Entwurf durfte man erst ab 16 mitmachen. Ordnung muss sein, gerade im Liberalismus.

Seit diesem Tag war mein Umgang mit Politik immer direkt, kritisch und nah dran. Ich war fast drei Jahrzehnte lang Mitglied einer sogenannten „Altpartei“ – der FDP. Ich bin nicht ausgetreten, weil ich die Idee der Freiheit abgelegt hätte. Ganz im Gegenteil: Ich schätzte Aufrechte wie Gerhart Baum, liberale Vordenker wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder streitbare Köpfe wie den unvergessenen Jimmy Schulz.

Gerhart Baum habe ich getroffen, als er tatsächlich noch Bundesinnenminister war und den Obersalzberg besuchte; mein Vater nahm mich damals mit. Und wenn Baum Jahre später auf der re:publica mit stolzer Inbrunst sagte „Ich war mal Innenminister dieser Republik!“[3], dann kann ich ohne Übertreibung ergänzen: Mein Onkel war Justizminister dieser Republik. Ich war mit diesem System nicht nur verbunden – ich habe seine Grundlagen verinnerlicht und geachtet.

Und genau deshalb koche ich vor Wut.

Ich hasse die AfD und alles, wofür dieser völkische und demokratiefeindliche Sumpf steht. Aber was mich mindestens genauso rasend macht, ist das Versagen und die Verrohung derjenigen, die sich „staatstragend“ nennen.

Was wir derzeit erleben, ist eine Armutswelle des Geistes und eine politische Hetzjagd. Die Politik rund um Friedrich Merz und Lars Klingbeil veranstaltet eine Sozialdebatte nach der anderen, die am Ende immer auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird.[4] Politiker wie Markus Söder, Alexander Dobrindt oder Katherina Reiche treten mit ihren populistischen Parolen gefühlt tagtäglich die Würde des Menschen mit Füßen – jene Würde, die in Artikel 1 unseres Grundgesetzes als unantastbar garantiert wird.[5]

Da nützt es absolut gar nichts, wenn eine Karin Prien den gemeinsamen Stadtratsbeschluss von CDU und AfD im sächsischen Heidenau halbherzig beklagt.[6] Das sind Krokodilstränen! Den Worten folgen keine Taten. Es gibt keine konsequente Brandmauer,[7] kein Innehalten, kein Aufstehen gegen den schleichenden Verfall der politischen Kultur. Stattdessen schaut man zu, wie sich eine radikalisierte Ränder-Mehrheit an Kulturkämpfen ergötzt, wie Stimmung gegen Migranten oder Klimademonstranten gemacht wird und wie der Rechtsstaat Schritt für Schritt ausgehöhlt wird.

Wir haben heute eine politische Klasse, die aus Wahltaktik den Diskurs vergiften lässt, während sie gleichzeitig die eigene Ohnmacht gegenüber den Feinden der Demokratie demonstriert.

Ich liebe die freiheitlich-demokratische Grundordnung. Ich habe mein Leben lang an Institutionen, Gewaltenteilung und die Macht des Arguments geglaubt. Wer aber zusieht, wie das Fundament dieser Republik für billige Stimmenfänger geopfert wird, darf nicht schweigen.

Ja, ich bin Wutbürger. Und wer bei dieser Entwicklung nicht wütend wird, hat die Demokratie nie verstanden.


Fußnoten

[1] Der Begriff „Wutbürger“ wurde 2010 durch einen Essay von Dirk Kurbjuweit im Spiegel geprägt und von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2010 gewählt. ↑

[2] Die Jungen Liberalen wurden am 1. und 2. November 1980 in Bonn-Bad Godesberg gegründet. Die Gründungssatzung wurde am 1.11.1980 beschlossen. ↑

[3] Gerhart Baum war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister. Die Anekdote von der re:publica ist durch einen Social-Media-Post dokumentiert. ↑

[4] Vgl. Berichte über die Sozialreform-Debatten zwischen Bundeskanzler Merz und Vizekanzler Klingbeil (2026). ↑

[5] Artikel 1 Abs. 1 GG: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ ↑

[6] Der Stadtrat von Heidenau (Sachsen) hat auf Antrag von AfD und CDU die Verlegung weiterer Stolpersteine abgelehnt. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) nannte dies einen „Skandal“. ↑

[7] Die CDU hat einen Unvereinbarkeitsbeschluss zur AfD, umgangssprachlich als „Brandmauer“ bezeichnet. In ostdeutschen Kommunen bröckelt diese jedoch. ↑

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