Was die Postkutsche über den Verbrenner verrät – und was das mit Russland zu tun hat
Im Jahr 2020 baute jemand eine Postkutsche.1 Kein Museumsstück, kein Requisit – eine neue, funktionstüchtige Kutsche, angefertigt für ein Traditionsfest, äußerlich originalgetreu bis ins Detail, wie sie 1870 über die Landstraßen gerumpelt wäre. Innen aber: moderne Bremsen, ein durchdachtes verkehrssicheres Fahrwerk, Technik, die 1870 niemand kannte. Eine Kutsche, die aussieht wie Geschichte und funktioniert wie Gegenwart.
Genau an diesem Detail lässt sich etwas ablesen, das größer ist als die Kutsche selbst: Wie Technologien wirklich sterben. Nicht abrupt, nicht vollständig – sondern durch einen langen Rückzug vom Alltag in die Nische, von der Notwendigkeit zur Tradition. 1900 war die Kutsche Alltag. 1950 fuhren in den Trecks der Vertriebenen noch mehr Pferdewagen als Automobile. 2000 sah man Kutschen fast nur noch dort, wo Tradition gepflegt wird. Die Technologie ist nicht verschwunden. Sie ist ausgewandert, aus der Notwendigkeit in die Erinnerung.
Diese Beobachtung ist banal, solange man sie auf Kutschen anwendet. Interessant wird sie, sobald man sie auf den Verbrennungsmotor überträgt – und noch interessanter, wenn man merkt, wie schnell einen dabei die eigenen Vorurteile einholen.
Der Irrtum, der mehr verrät als die richtige Antwort
Wer heute über das Verschwinden des Verbrenners spricht, landet fast automatisch bei einem bestimmten Bild: alte deutsche Diesel, die irgendwann nach Afrika verschifft werden, weil dort noch Bedarf sei. Ein Bild, das sich hartnäckig hält – und das schlicht falsch ist. Äthiopien war im Januar 2024 das erste Land der Welt, das den Import von Verbrennern komplett verbot, im Mai 2025 wurde das Verbot sogar auf Einzelteile ausgeweitet.2 Ruanda lässt seit Januar 2025 in der Hauptstadt Kigali keine neuen Benzin-Motorräder mehr zu.3 Nicht aus Klimaromantik, sondern aus knallharter ökonomischer Logik: Wer Öl importieren muss, verliert Devisen; wer selbst Strom erzeugt, gewinnt Unabhängigkeit.
Der eigentliche Schrottplatz für deutsche Gebrauchtwagen liegt heute eher im Osten: Trotz Sanktionen wurden 2025 fast 47.000 Neuzulassungen deutscher Marken in Russland registriert, insgesamt seit Kriegsbeginn über 700.000 Fahrzeuge – eingeschleust über Umwege wie Belarus, Kirgisistan oder Usbekistan.4 Der Kontinent, dem man in Deutschland gerne die Rolle des Nachzüglers zuschreibt, ist beim Verbrenner-Ausstieg vielerorts weiter als wir. Es lohnt sich, diesen Irrtum nicht zu verstecken, sondern ihn als Lehrstück zu behandeln: ein Beleg dafür, wie tief eingeübte Denkmuster sind, selbst wenn man es besser wissen könnte.
Der Härtetest: Kann Brutalität schneller sein als Demokratie?
Von hier aus führt die Spur zu einer unbequemeren Frage. Wenn technologischer Wandel Zeit braucht, weil ganze Infrastrukturen, Gewohnheiten und Industrien sich mitbewegen müssen – kann ein autoritäres System diesen Prozess dann nicht einfach abkürzen? Per Dekret?
Die Geschichte kennt dafür ein Präzedenzbeispiel, das größer ist als jedes Update auf einer PowerPoint-Folie: Stalins Umbau Zentralasiens zur Baumwollkammer der Sowjetunion. Ganze Flüsse wurden umgeleitet, die Landwirtschaft zwangskollektiviert, binnen zwei Jahrzehnten – trotz Krieg. Es funktionierte, gemessen an der reinen Zielerreichung. Die Rechnung dafür zahlt bis heute der Aralsee, der auf der Landkarte kaum noch als See erkennbar ist. Und sie zahlten Menschen: Allein die Zwangskollektivierung kostete in Kasachstan schätzungsweise über 1,5 Millionen Menschen das Leben.5
Das ist die unbequeme Wahrheit hinter der Frage, ob autoritäre Systeme „es einfach durchziehen“ könnten: Sie können. Sputnik war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer wissenschaftlichen Tradition, die man in Europa gerne unterschätzt. Die Trägerrakete R-7 und ihre Triebwerke waren keine Kopie deutscher V-2-Technik, sondern eine eigenständige Entwicklung von Sergei Koroljow – als der Nachbau amerikanischer Triebwerke scheiterte, löste er das Problem mit einer eigenwilligen Bündelung mehrerer Triebwerke.6 Und schon hundert Jahre zuvor infiltrierte der russische Offizier Alexander Tschernyschow ab 1810 mit einem Spionagenetz das französische Kriegsministerium in Paris – möglich nur, weil die russische Aristokratie oft besser Französisch als Russisch sprach und sich in der Pariser Gesellschaft bewegte, als wäre sie dort zu Hause.7 Wer hier vorschnell von Rückständigkeit spricht, verwechselt die Verwahrlosung von Infrastruktur mit einem Mangel an Fähigkeit. Das sind zwei verschiedene Dinge.
Was ein solches System aber nicht mitliefert, ist Verlässlichkeit. Genau das macht es gefährlich und faszinierend zugleich: Eine Struktur, in der Macht an keine Institution, sondern an eine Person gebunden ist, kann heute modernisieren und morgen vernichten – ohne dass sich daran, im Kern, viel geändert hätte seit dem Zarenreich. Die Frage ist also nie, ob es geht. Sie ist, was es kostet und wie lange es hält.
Der offene Schluss, den die Wissenschaft noch nicht beantworten kann
Am Ende dieses Gedankengangs steht eine Frage, die über Technik und Politik hinausreicht und die niemand seriös beantworten kann – was sie nicht weniger interessant macht. Es ist inzwischen gut belegt, dass traumatische Erfahrungen biologische Spuren hinterlassen können, die über die reine DNA-Sequenz hinausgehen: epigenetische Markierungen, nachgewiesen etwa bei Nachkommen von Holocaust-Überlebenden, die den Stresshaushalt betreffen. Die Keimbahn ist komplizierter, als das Wort „Vererbung“ suggeriert.
Unerforscht dagegen ist die viel größere Frage: Ob sich nicht nur Traumata, sondern auch gesellschaftliche Strukturen – Misstrauen gegenüber Institutionen, die Anfälligkeit für Autoritäres – über Generationen auf ähnlichen, noch unverstandenen Wegen mitschleppen. Genetisch unterscheiden sich Menschen kaum voneinander, das ist eindeutig belegt. Aber die Keimbahn ist mehr als die Buchstabenfolge der DNA – und was sie sonst noch weitergibt, weiß bislang niemand genau.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe dieser Geschichte über Kutschen, Verbrenner und Autokratien: Wir sind gut darin, das Verschwinden von Maschinen zu beschreiben. Beim Verschwinden – oder Fortbestehen – von Strukturen und Prägungen stehen wir erst am Anfang.
- Mehrere solcher Nachbauten entstanden 2020 unabhängig voneinander, u. a. in Walldürn (Baden-Württemberg), im Oberbergischen Land (NRW, als Nachbau einer kaiserlichen Postkutsche von 1871) sowie in Samerberg (Bayern). ↩
- Äthiopisches Importverbot für Verbrenner, in Kraft seit Januar 2024, ausgeweitet auf Einzelteile im Mai 2025. ↩
- Zulassungsverbot für neue Benzin-Motorräder im öffentlichen Verkehr in Kigali, Ruanda, seit Januar 2025. ↩
- Rund 47.000 Neuzulassungen deutscher Marken in Russland 2025, über 700.000 seit Kriegsbeginn, laut Recherchen zu Sanktionsumgehungen über Drittstaaten. ↩
- Zwangskollektivierung und Bewässerungsprojekte in Zentralasien unter Stalin; Schätzungen zu den Todesopfern der Kollektivierung in Kasachstan liegen bei über 1,5 Millionen. ↩
- Trägerrakete R-7 mit Triebwerken RD-107/108, entwickelt von Sergei Koroljow als eigenständige sowjetische Konstruktion. ↩
- Alexander Tschernyschow, russischer Offizier und Adliger, baute ab 1810 ein Spionagenetzwerk in Paris auf. ↩

