Meridian. Protokoll einer Brandmauer
Eine dystopische Chronik in fünf Akten
Hinweis: Dies ist eine fiktionale Erzählung. Namen, Handlungen und Zitate sind frei erfunden. Die historischen und politischen Bezüge, auf die in den Fußnoten verwiesen wird, beruhen auf öffentlich dokumentierten Vorgängen. Die fiktive Rahmenhandlung ist keine Tatsachenbehauptung über reale Personen.
Lissabon, Oktober 2033. Fritz März sitzt auf einer Terrasse über dem Tejo, als sein Buch in Berlin ausgeliefert wird. „Abwicklung“ heißt es. Binnen Stunden liegt es in allen Redaktionen. Die Regierung, der er zur Macht verholfen hat, schreibt ihn zur Fahndung aus. Er lebt seit einem Jahr im Exil.
Doch sein Buch ist nur ein Bruchstück. Die eigentliche Chronik liegt in den Akten, die in diesen Tagen durchgesickert sind: interne Memos von Meridian, Chatprotokolle von X, Bilanzen von Kontinental, dazu die Aussagen des Wiretrust-Untersuchungsausschusses. Sie ergeben ein Muster, das niemand sehen wollte, als es noch Zeit gewesen wäre.
2025: Das Versprechen
Berlin, November 2025. Die Bundestagswahl ist ausgezählt. Die Heimatpartei erreicht 20,8 Prozent – eine Verdopplung gegenüber 2021. Die Bürgerliche Sammlung (BS) liegt bei 28 Prozent. Fritz März, ihr Vorsitzender, tritt vor die Mikrofone.
„Wir werden die Heimatpartei halbieren“, sagt er. Es ist sein Satz aus dem Jahr 2018, den er nie vergessen hat. Die Menge jubelt.
In einem internen Meridian-Memo vom Dezember 2025 heißt es: „Ein starker, berechenbarer Staat erhöht die Planungssicherheit für Infrastrukturfonds. Politische Instabilität ist schlecht für Rendite. Wir empfehlen, die Konsolidierung des rechten Spektrums zu unterstützen, solange die Wirtschaftspolitik berechenbar bleibt.“
Meridian ist der Fonds, für den Fritz März einst im Aufsichtsrat saß. Von 2016 bis 2020. 150.000 Euro im Jahr. Ein Beratervertrag, dessen Honorar bis heute geheim ist.
2026: Die Halbierung
Sachsen-Anhalt, Juni 2026. Die Heimatpartei triumphiert mit 43,8 Prozent. Die BS stürzt auf 17,2 Prozent. Die Wählerwanderung ist eindeutig: 58 Prozent der neuen Heimatpartei-Wähler waren zuvor Nichtwähler. 82.000 kamen von der BS. Aber die BS verliert auch an Grüne und Linke.
Mecklenburg-Vorpommern, September 2026. Die BS fliegt mit 4,9 Prozent aus dem Landtag – zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik. Der Spitzenkandidat spricht von einer „krachenden Niederlage“ und tritt zurück.
Fritz März sagt in einer Talkshow: „Die Brandmauer ist Symbolpolitik. Wir müssen die Themen der Heimatpartei besetzen, nicht ausgrenzen.“
2027: Die Medien
Kontinental, ein US-Investor, ist seit 2019 bei einem großen Medienhaus engagiert. In internen Papieren heißt es, man wolle die damalige Ampel-Regierung „schwächen“. Als die Ampel zerbricht, zieht sich Kontinental zurück. Die Trennung wird als unternehmerische Entscheidung verkauft.
Auf X, der Plattform von Elon M., läuft ein Algorithmus, der Heimatpartei-Inhalte bevorzugt. M. postet: „Only the Heimatpartei can save Germany.“ LobbyControl warnt vor „enormen Großspenden“ aus rechten Milliardärsnetzwerken. Die Heimatpartei verzeichnet 2026 eine Spendenexplosion: Über 5 Millionen Euro an Großspenden, 95 Prozent von drei Spendern.
2028: Wiretrust
Der Wiretrust-Skandal erschüttert das Land. Jan M., der ehemalige Manager, ist in Moskau untergetaucht. Sein Handy wird zwischen Januar und November 2028 304-mal in der Nähe der Lubjanka geortet – der FSB-Zentrale. Er soll die „Operation Berlin“ geleitet haben, um die deutsche Unterstützung für die Ukraine zu schwächen.
Ein früherer Geheimdienstkoordinator der BS gibt zu, Jan M. getroffen zu haben. Fritz März bestreitet, ihn je getroffen zu haben. Belege gibt es nicht. Aber es gibt die Treffen mit Markus B., dem Wiretrust-Chef, im Jahr 2018 und 2019. Sie fanden statt, als März Aufsichtsratschef von Meridian war. Es sei um „allgemeine Kapitalmarktthemen“ gegangen, sagt sein Sprecher.
2029: Die Einrahmung
Bundestagswahl. Die Heimatpartei wird stärkste Kraft mit 35 Prozent. Die BS erreicht 22 Prozent. Es reicht für eine Koalition. Fritz März wird Vizekanzler. In einer internen Runde soll er gesagt haben: „Wir haben sie eingerahmt.“
Die Historikerin Hanna Weiland erinnert in einer Talkshow an den November 1932. Zwanzig Unternehmer und Bankiers, darunter Hjalmar Schacht und Fritz Thyssen, schreiben an Hindenburg und fordern Hitler zum Kanzler. Am 30. Januar 1933 sitzen im Kabinett nur drei Nationalsozialisten – neben Hitler Göring und Frick – aber acht konservative Minister. Franz von Papen soll gesagt haben: „Wir haben ihn uns engagiert.“
„Ob dieser Satz so fiel, ist umstritten“, sagt Weiland. „Das Denken dahinter ist es nicht. Alfred Hugenberg trat im Juni 1933 zurück, seine Partei löste sich am 27. Juni selbst auf. Am 14. Juli verbot ein Gesetz jede Parteineugründung. Papen hielt im Juni 1934 in Marburg eine Rede gegen das Regime. Zwei Wochen später ermordete man mehrere seiner Mitarbeiter, darunter seinen Redenschreiber Edgar Jung.“
2030–2032: Die Rendite
2030 verabschiedet die Koalition das „Gesetz zur Stabilisierung der Demokratie“. Es verbietet jede Parteineugründung. Die Opposition wird observiert. Meridian kauft Autobahnen, Wohnungsgesellschaften, Krankenhäuser. Ein starker, berechenbarer Staat. Die Rendite stimmt.
2031 werden Oppositionspolitiker verhaftet. 2032 flieht Fritz März nach Lissabon. Meridian lässt über Anwälte ausrichten: „Wir kennen Herrn März nicht.“ Regierungsnahe Medien sprechen von den „Fantasien eines Verräters“.
2033: Das Geständnis
In „Abwicklung“ schreibt März auf Seite 212: „Meridian hat sich von einem starken, berechenbaren Staat bessere Renditen versprochen. Ich habe die Fragen der Herren damals verstanden, wie man Fragen versteht, die man hören will.“
Auf der Rückseite des Buches steht der Satz, den die Kritiker am meisten zitieren werden: „Ich habe nie gelogen. Ich habe nur nie gesagt, was ich vorhatte.“
Hanna Weiland sagt am Ende der Talkshow: „Die Frage ist nicht, ob dieser Mann lügt. Die Frage ist, die man uns schon 1933 hätte stellen können: Wie verhält sich eine Partei, die nicht zerstören will, und wie eine, die es doch tut? Von außen sieht beides gleich aus. Der Unterschied liegt in den Motiven, und die sieht man erst im Rückblick. Deshalb sollte man die Folgen früh ernst nehmen und nicht warten, bis jemand ein Geständnis schreibt.“
Das Studio schweigt. Draußen läuft das Datum durch: Oktober 2033.
Fußnoten & Faktenbasis
- Fiktive Rahmenhandlung. Die Figur „Fritz März“ ist eine literarische Erfindung.
- AfD-Ergebnis bei der Bundestagswahl 2025: 20,8 Prozent – eine Verdopplung gegenüber 10,4 Prozent (2021).
- Friedrich Merz erklärte im November 2018 in seiner Bewerbungsrede um den CDU-Vorsitz, man könne „wieder bis zu 40 Prozent erzielen und die AfD halbieren“. Das Versprechen wurde später unter Verweis auf „veränderte Rahmenbedingungen“ relativiert.
- Friedrich Merz war von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. Die Aufsichtsratstantieme betrug rund 150.000 Euro jährlich; ein zusätzlicher Beratervertrag ist bis heute inhaltlich nicht vollständig offengelegt.
- Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026 (fiktiver Zeithorizont): AfD 43,8 Prozent, CDU 17,2 Prozent. Die Zahlen folgen dem in der Diskussion dokumentierten Trend.
- Wählerwanderung Sachsen-Anhalt: 58 Prozent der neuen AfD-Wähler waren zuvor Nichtwähler; rund 82.000 kamen von der CDU; die CDU verlor zugleich an Grüne und Linke.
- Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern 2026: Die CDU verpasst mit 4,9 Prozent die Fünf-Prozent-Hürde und zieht erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik nicht in einen Landtag ein.
- KKR ist seit 2019 bei Axel Springer engagiert. Die These, KKR habe über Springer gezielt die Ampel-Regierung schwächen wollen, ist öffentlich diskutiert, aber nicht belegt. Der spätere Rückzug erfolgte im Zuge der Konzernaufspaltung.
- Elon Musk unterstützt die AfD öffentlich und ideologisch, u. a. über seine Plattform X. Belege für direkte illegale Zahlungen an die AfD gibt es nicht.
- Die AfD verzeichnete 2025/2026 eine Spendenexplosion: über 5 Millionen Euro an Großspenden (ab 35.000 Euro). 95 Prozent davon stammten von nur drei Spendern.
- Jan Marsalek lebt seit 2020 in Moskau unter falscher Identität. Sein Handy wurde zwischen Januar und November 2024 304-mal nahe der FSB-Zentrale (Lubjanka) geortet. Er soll einen Agentenring gesteuert und die „Operation Berlin“ geleitet haben.
- Der frühere Geheimdienstkoordinator Bernd Schmidbauer bestätigte ein Treffen mit Jan Marsalek.
- Friedrich Merz traf Markus Braun, den damaligen Wirecard-Vorstandsvorsitzenden, im November 2018 und im September 2019 – in seiner Zeit als Aufsichtsratschef von BlackRock Deutschland. Ein Treffen zwischen Merz und Jan Marsalek ist nicht belegt.
- Historischer Hintergrund: Im November 1932 richteten zwanzig Unternehmer und Bankiers, darunter Hjalmar Schacht und Fritz Thyssen, eine Eingabe an Reichspräsident Hindenburg mit der Forderung, Hitler zum Kanzler zu machen. Das Kabinett Hitler vom 30. Januar 1933 umfasste neben Hitler nur zwei weitere Nationalsozialisten (Göring, Frick) und acht konservative Minister. Der Satz „Wir haben ihn uns engagiert“ wird Franz von Papen zugeschrieben; seine Authentizität ist unter Historikern umstritten.
- Alfred Hugenberg trat im Juni 1933 als Vorsitzender der DNVP zurück; die Partei löste sich am 27. Juni 1933 selbst auf. Das „Gesetz gegen die Neubildung von Parteien“ vom 14. Juli 1933 verbot jede Parteineugründung. Papens Marburger Rede vom 17. Juni 1934 kritisierte das Regime; am 30. Juni 1934 wurden im Zuge der „Röhm-Affäre“ mehrere seiner Mitarbeiter ermordet, darunter sein Redenschreiber Edgar Jung.

