Warum der Erfolg der Linken und der AfD nur ein Ergebnis falscher Politik ist
Die beiden Extreme: Ein und dasselbe Problem
Die Mieten in Berlin sind unerträglich geworden. Die durchschnittliche Angebotsmiete für Wohnungen lag 2025 bei 15,78 Euro pro Quadratmeter – doppelt so hoch wie die ortsübliche Vergleichsmiete im Bestand (7,21 Euro). Im Neubau wurden sogar 19,97 Euro pro Quadratmeter verlangt. Mit einem Median-Haushaltsnettoeinkommen von 2.650 Euro können rund die Hälfte der Berliner Haushalte solche Mieten nicht zahlen.[1] Die Linke ist in Berlin zur stärksten Kraft geworden – mit 25,7 Prozent der Stimmen, eine Verdopplung gegenüber 2023.[2] Weil viele Menschen das System, das dies ermöglicht, ablehnen.
Gleichzeitig, 200 Kilometer südlich, in Dessau: Häuser, die man nicht verkaufen kann. Die Leerstandsquote liegt bei rund 32 Prozent – bei den sozial orientierten Großvermietern in Ostdeutschland insgesamt etwa viermal so hoch wie in Westdeutschland. Landesweit hat Sachsen-Anhalt mit 8,9 Prozent die höchste Leerstandsquote aller Bundesländer, im Bundesschnitt sind es 4,3 Prozent. Besonders betroffen sind Dessau-Roßlau (12,5 Prozent) und einzelne ländliche Gemeinden mit über 15 Prozent.[3] Der Wert von Häusern, die eine Familie über Jahrzehnte abbezahlt hat, verfällt. Die AfD ist in Sachsen-Anhalt zur stärksten Kraft geworden – mit 43,8 Prozent der Stimmen, mehr als eine Verdopplung gegenüber 2021 (20,8 Prozent).[4] Weil viele Menschen das System, das dies ermöglicht, ablehnen.
Das sind nicht zwei verschiedene Probleme. Es sind zwei Seiten derselben Medaille: Ein Wirtschaftssystem, das Investitionen und Gewinne maximiert, wo sie höchste Renditen versprechen, und alles andere dem Markt überlässt. Die Folge ist Überinvestition dort, wo es Reiche gibt (Berlin, München, Hamburg), und komplette Desinvestition dort, wo es arme und schrumpfende Regionen gibt (Dessau, Schlema, ländliche Regionen Sachsen-Anhalts).
Das war nicht immer so. Und es muss nicht so sein. Die Geschichte zeigt es.
Die alte BRD: Wenn Geld „für Politik da war“
In der alten Bundesrepublik gab es ein anderes Modell. Der Grund war eigentlich banal: Es gab einen Systemgegner im Osten. Und der Westen konnte sich nicht leisten, dass ganze Bevölkerungsgruppen sich abgehängt fühlten.
West-Berlin: Ein Symbol ist unbezahlbar
Das prominenteste Beispiel: West-Berlin. Eine Insel, umgeben von der DDR, wirtschaftlich unrentabel, geostrategisch aber lebenswichtig. Die Stadt konnte ohne massive Subventionen nicht existieren. Aber das war gar keine Frage – die Subventionen flossen.[5]
- 1990: Rund 5 Milliarden Mark aus dem Bundeshaushalt in die Berlinförderung
- Bundeshilfe: 13 Milliarden Mark, etwa die Hälfte des West-Berliner Landeshaushalts
- „Zitterprämie“: Beschäftigte erhielten eine steuerfreie Zulage von acht Prozent auf ihren Bruttolohn – jährlich umgerechnet 1,4 Milliarden Euro für den Bund
West-Berlin war zu teuer für die Renditecalculation eines freien Marktes, wurde aber mit Milliarden gestützt, weil es ein Symbol war. Die Stadtkultur blühte auf, Künstler kamen dorthin, Museen wurden gefördert, Infrastruktur wurde gebaut. Nicht weil es sich rentierte, sondern weil es notwendig war.
Zonenrandförderung: Bewusste Regionalpolitik
Und dann gab es die Zonenrandförderung. Gemäß dem Zonenrandförderungsgesetz von 1971 – in Kraft bis 1990, in Teilen bis 1992 – erhielten Grenzregionen entlang der innerdeutschen Grenze und zur Tschechoslowakei spezielle Investitionszuschüsse. Das war ein 40 Kilometer breiter Streifen entlang der Grenze zum Ostblock.[6]
Die Politik förderte diese Gebiete bewusst, nicht aus Mitleid, sondern aus nüchternem Kalkül: Man wollte nicht, dass diese Gebiete zu Verlierer-Regionen würden, dass Menschen abwanderten, dass politische Entfremdung entstand. Diese Regionen erlebten wirtschaftliche Entwicklung, Bevölkerungsstabilität, ein Gefühl von Perspektive. Nicht, weil die Marktmechanismen es optimal vorgesehen hätten, sondern weil die Politik aktiv Prioritäten setzte:
- Systemkonkurrenz
- Wehrhaftigkeit der Demokratie
- Vermeidung von Verlierer-Regionen
Die Mieten waren reguliert, die Neubautätigkeit wurde aktiv gesteuert, die Stadt wurde als Ganzes, nicht als Renditeobjekt, gedacht. Die wohlhabenden Gegenden – Hamburg, München, Frankfurt – zahlten höhere Steuern. Es war eine Art innerdeutscher Reparationsmechanismus: Die erfolgreichen Gegenden finanzieren die weniger erfolgreichen, weil das Gesamtsystem nur funktioniert, wenn niemand ganz verloren geht.
Das Ende der Systemkonkurrenz: Die Emanzipation des Kapitalismus
Nach 1989/1990 verschwand der Grund für diese Redistribution über Nacht. Es gab keinen Gegner mehr. Der Westen hatte „gewonnen“. Und mit diesem Sieg kam eine neue Idee zu Macht: Die Idee, dass der Kapitalismus jetzt endlich so sein durfte, wie er „natürlicherweise“ ist.
- Keine Rücksicht mehr auf arme Regionen
- Keine Subventionierung unrentabler Infrastruktur
- Keine starren Mietpreiskontrollen
- Keine Regulierung, die Profite begrenzt
Das war das neoliberale Projekt, das in den 1990ern und 2000ern vorangetrieben wurde:
- Deregulierung – Beseitigung von Schutzbestimmungen
- Privatisierung – Verkauf öffentlicher Güter
- Finanzialisierung – Immobilien als Spekulationsobjekt
- Prekarisierung – Abbau von Arbeitssicherheit
- Hartz-Reformen (2003–2005) – Zerschlagung des Sozialnetzes[7]
- Privatisierung von Wohnungsbeständen in den Neuen Bundesländern
- Finanzmarkt-Deregulierung – die 2008 zusammenbrachen
Die Zerstörung des Ostens
Das Ergebnis war berechenbar und berechnet: Kapital floss dorthin, wo es sich am schnellsten vermehrte. Das waren die Großstädte, besonders Berlin. Gleichzeitig verloren alle anderen Regionen massiv.
Der Osten erlebte nicht nur eine wirtschaftliche Transformation, sondern eine wirtschaftliche Zerstörung:[8]
- 1990–1994: Die Treuhandanstalt privatisierte in nur vier Jahren rund 8.500 volkseigene Betriebe
- Folge: Mehr als drei Millionen Menschen wurden arbeitslos
- Kollaps: Die ostdeutsche Erwerbsbevölkerung sank von knapp zehn Millionen (1989) auf kaum sechs Millionen einige Jahre später
Ganze Branchen verschwanden. Menschen, deren Arbeitskraft plötzlich nichts mehr wert war, wanderten ab. Die Immobilienbestände, gerade in mittelgroßen Städten wie Dessau, verloren massiv an Wert, weil ihre Eigentümer in den Westen zogen oder starben – und die Nachfrage fehlte.
Das war nicht „neutral“ oder „unvermeidbar“. Das war eine Wahl. Eine bewusste Entscheidung, die Regulierung aufzugeben und Kapitalflüsse nach reiner Rentabilität fließen zu lassen.
Die Folge: Polarisierung statt Solidarität
Was folgt aus diesem Modell? Eine Spaltung der Gesellschaft und des Territoriums in Gewinner und Verlierer. Und mit ihr eine Polarisierung der Politik.
Die Linke in den Gewinner-Regionen
In den Gewinner-Regionen – Berlin, München, Hamburg – entsteht eine neue linke Bewegung. Diese Bewegung ist nicht primär eine Arbeiter:innenbewegung mehr, sondern eine Bewegung der Prekarisierten und der vom Immobilienmarkt Vertriebenen: junge Menschen, Künstler, Studierende, alleinerziehende Mütter. Sie sehen ein System, das keinen Platz für sie hat, und sie verlangen Umverteilung: Mietpreisbremsen, Enteignungen großer Wohnungskonzerne, Regulierung der Finanzmärkte. Die Linke in Berlin ist nicht das Ergebnis einer marxistischen Agitation, sondern des Versagens des Immobilienmarktes, Menschen ein Zuhause zu geben.
Die AfD in den Verlierer-Regionen
In den Verlierer-Regionen – Sachsen-Anhalt, Teile Sachsens und Brandenburgs – entsteht eine Bewegung der AfD. Diese Bewegung ist nicht primär eine Arbeiter:innenbewegung mehr, sondern eine Bewegung der Angst vor dem Abstieg: Menschen mit noch etwas zu verlieren (Häuschen, Rente, Status), die sehen, dass dieses Wenige entwertet wird. Sie sehen ein System, das ihnen nichts mehr zu bieten hat, und sie verlangen einfache Antworten: Migration ist schuld, die Eliten sind schuld, wir brauchen wieder Ordnung und Grenzen. Die AfD ist nicht das Ergebnis von Rechtsradikalen, die plötzlich mobilisiert werden, sondern des Versagens der Wirtschaftspolitik, den Menschen Perspektive zu geben.
Beide sind Resultat desselben Fehlers: Ein Wirtschaftssystem, das ohne Regulierung nur zu Extremen führt – zu hohen Mieten hier, zu Leerstand dort. Und beide finden in dieser verzerrten Situation einen „Partner“: Die etablierten Parteien, die diese Fehler entweder verursacht oder zugelassen haben, sind diskreditiert.
Warum Linke und AfD „nur Symptome“ sind
Es ist wichtig, das richtig zu verstehen: Die Linke und die AfD sind nicht die Ursache der gegenwärtigen Krise. Sie sind die Folge einer Krise, die durch falsche Politik verursacht wurde.
Das bedeutet nicht, dass beide Bewegungen richtig sind oder gleich sind:
- Die Linke sagt: „Umverteilung, Regulierung, öffentliche Daseinsvorsorge.“ Das ist ein konstruktives Programm.
- Die AfD sagt: „Abschottung, Fremdenfeindlichkeit, Wiederherstellung einer imaginären Ordnung.“ Das ist destruktiv und löst die Probleme nicht.
Aber beide entstanden, weil die Mitte versagt hat: Weil SPD und Grüne die Hartz-Reformen durchsetzten statt den Sozialstaat zu bewahren. Weil Merkel Zuwanderung zuließ, ohne die strukturellen Probleme (Wohnen, Lohnstagnation, Infrastruktur) zu adressieren. Weil Jahrzehnte von Wähler:innen aus strukturschwachen Regionen ignoriert oder als „nicht modern genug“ abgeschrieben wurden. Weil Berlin als Spielplatz für globales Kapital behandelt wurde statt als Stadt, in der normale Menschen leben.
Die fehlende Alternative: Bewusste Regionalpolitik
Dabei gäbe es ein anderes Modell. Es ist nicht neu – es ist das alte Modell der BRD. Man könnte bewusst in strukturschwache Regionen investieren. Nicht zur Spekulation, sondern zur Stabilisierung: Infrastruktur, Bildung, gute öffentliche Arbeit, Ansiedlung von Behörden und Forschungseinrichtungen. Das stabilisiert Menschen, gibt ihnen Perspektive, hält Bevölkerung in Regionen, vermeidet die Kosten von Abwanderung und Überalterung.
Man könnte Mietsteigerungen in Großstädten begrenzen, durch Regulierung und durch öffentlichen Wohnungsbau. Länder wie Wien oder Schweizer Kantone zeigen, dass man mit einem starken öffentlichen Sektor gute, bezahlbare Wohnungen bereitstellen kann.
Man könnte Tarifbindung stärken, Gewerkschaften fördern, Löhne erhöhen – statt sie zu prekarisieren. Das führt zu höheren Kosten, aber auch zu höherer Nachfrage und stabilerer Konsumnachfrage.
Das alles kostet Geld. Aber hier ist der Punkt: Das Geld war während der Systemkonkurrenz „da“. Es war nicht weniger da, aber es wurde anders priorisiert. Die Wahl war nicht technisch, sondern politisch.
Fazit: Eine Wahl, kein Schicksal
Der Erfolg der Linken in Berlin und der AfD in Sachsen-Anhalt sind nicht zwei unabhängige Phänomene. Sie sind beide Folgen derselben falschen Politik: einer Politik, die den Kapitalismus sich selbst überließ, statt ihn zu regulieren. Eine Politik, die einfach annahm, dass „der Markt“ wissen würde, was zu tun ist – obwohl der Markt notorisch schlecht darin ist, etwas anderes zu tun als Profite zu maximieren.
Die Mieten in Berlin sind ein Versagen von Politik. Der Leerstand in Dessau ist ein Versagen von Politik. Beides hätte verhindert werden können, hätte man gewollt. Hätte man bewusst in Dessau investiert, Wohnungen gebaut, Arbeitsplätze geschaffen – wie man es nach 1971 mit der Zonenrandförderung tat. Hätte man in Berlin Mietpreiskontrollen beibehalten und öffentlichen Wohnungsbau massiv ausgebaut – statt beide Instrumente abzubauen.
Die beiden Extreme sind also nicht Beweis dafür, dass „so ein System“ eben polarisiert. Sie sind Beweis dafür, dass eine bestimmte Art von Politik polarisiert – während eine andere Art es nicht tut.
Die alte BRD mit Zonenrandförderung und Mietpreiskontrolle war nicht konfliktlos. Aber sie verhinderte, dass ganze Regionen verloren gingen. Sie schuf keine 30-Prozent-Leerstandsquoten und keine Mieten von 1.500 Euro. Und sie schuf auch keine AfD und keine starke linke Gegenbewegung.
Das heißt nicht, dass wir zurück zu den 1960ern könnten oder sollten. Aber es heißt: Die gegenwärtige Polarisierung ist nicht das Ergebnis von Kräften, denen wir ausgeliefert sind. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen. Und Entscheidungen können rückgängig gemacht oder geändert werden.
Der Schmerz vieler Menschen – die Angst vor dem Abstieg im Osten, die Verdrängung im Westen – ist real. Aber die politischen Bewegungen, die diese Angst kanalisieren, sind nicht die Lösung. Sie sind ein Ruf nach einer anderen Politik. Es liegt an den politischen Kräften, die noch an Demokratie und Solidarität glauben, diesen Ruf zu hören – und echte Alternativen anzubieten.
Nicht Mauern, nicht Fremdenfeindlichkeit, nicht Deregulierung. Sondern eine bewusste, solidarische Regionalpolitik, die keinen Teil des Landes aufgibt.
Das ist machbar. Es war schon einmal da. Und es kann wieder da sein – wenn wir die Lektionen verstanden haben.
Quellen und Anmerkungen
- ↑ Berliner Mietspiegel 2025; Auswertungen des Deutschen Mieterbundes und des Instituts der deutschen Wirtschaft. Die Angebotsmieten beziehen sich auf inserierte Wohnungen, die Vergleichsmiete auf den Bestand. Median-Haushaltsnettoeinkommen nach Mikrozensus.
- ↑ Offizielles Wahlergebnis der Berliner Abgeordnetenhauswahl 2026, Landeswahlleiterin Berlin. Vergleichswert 2023: 12,8 Prozent.
- ↑ Statistische Ämter des Bundes und der Länder, Zensus 2022 und Fortschreibung 2025; GdW Wohnungsmarktbericht 2025; Stadt Dessau-Roßlau, Integriertes Stadtentwicklungskonzept 2024.
- ↑ Offizielles Wahlergebnis der Landtagswahl Sachsen-Anhalt 2026, Landeswahlleiter Sachsen-Anhalt. Vergleichswert 2021: 20,8 Prozent.
- ↑ Bundesministerium der Finanzen, Berlinförderungsgesetz (BerlinFG) und Bundeshaushaltspläne 1990; Der Tagesspiegel, „Die Zitterprämie“, 2015.
- ↑ Zonenrandförderungsgesetz (ZRFG) von 1971, in Kraft bis 1990, auslaufend bis 1992; Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Bericht über die Zonenrandförderung, 1991.
- ↑ Bundesagentur für Arbeit, Chronik der Arbeitsmarktpolitik; Hartz I–III in Kraft 2003/2004, Hartz IV (SGB II) zum 1. Januar 2005.
- ↑ Treuhandanstalt, Abschlussbericht 1994; Bundesagentur für Arbeit, Arbeitslosenstatistik 1990–1995; Statistisches Bundesamt, Erwerbspersonen in Ostdeutschland.

