Es gab einmal ein Internet

Ein Essay über das Ende des offenen Netzes und den Beginn des Techkonzernnetzes


Es gab einmal ein Internet. Heute haben wir ein Techkonzernnet. Es manipuliert. Es zensiert. Es sortiert. Ein Russe kann die ARD- oder ZDF-Mediathek nicht sehen. Ein Deutscher kann diverse russische Seiten nicht sehen. Das gilt nicht für technisch versierte Geheimdienste. Das gilt für den Otto Normalverbraucher.

Wer jetzt mit VPN kommt: Das war einmal. Die einfache Verschleierung der IP-Adresse genügt schon lange nicht mehr. Moderne Systeme erkennen dich nicht an der Adresse, von der du kommst, sondern daran, wie dein Browser sich verhält, was er verrät, was er verschweigt und wie er atmet. Je nachdem, was die Ausforschung ergibt, ist das Ergebnis ein anderes.

Das Bing-Experiment

Im Juni 2026 war bing.com für mich ein Erlebnis. Je privater und unausgeforschter ich meinen Browser einstellte, desto absurder wurden die Suchergebnisse. Da ich eine feste IP-Adresse habe, lag es nicht an der IP. Das ist eine Marotte von mir, eine die kaum jemand teilt. Ich beherrsche Tor und VPN. Wenn ich es genau wissen will, starte ich einen Browser über einen X-Server auf einer vollständig anderen Maschine im Internet. Das macht kein normaler Nutzer. Mich treibt schlicht die Neugier.

Was ich dabei beobachte, ist kein Zufall, sondern Methode. Seit dem 16. Februar 2025 dürfen Googles Werbekunden offiziell Browser-Fingerprinting einsetzen – eine Methode, die Google 2019 noch als Verletzung der Nutzerentscheidung verurteilt hatte. Das britische Information Commissioner’s Office nannte diesen Kurswechsel „unverantwortlich“. Geändert hat es nichts. Das Fingerprinting läuft. Die Faustregel lautet inzwischen: Cookies sind optional. Fingerprinting ist es nicht.

Was ein Fingerprint alles umfasst: Bildschirmauflösung, installierte Schriften, GPU-Eigenheiten, CPU-Modell, Browserverhalten im Millisekunden-Takt. Selbst die Taktfrequenz des Prozessors lässt sich als Identifikationsmerkmal nutzen. Das Canvas-Element des Browsers zeichnet heimlich eine winzige Grafik, die auf jedem Gerät minimal anders aussieht – dieses Abbild ist dein digitaler Fingerabdruck, stabiler als jede IP-Adresse, unveränderbar ohne einen anderen Rechner. Forschungen zeigen: Diese Methode kann Nutzer selbst durch den Tor Browser identifizieren.

Das weltweite Dorf

Als ich mit dem Internet anfing, war es über Compuserve eine Selbstverständlichkeit, plötzlich mit einer Schulklasse in den USA zu chatten. Ein „Where are you?“ brachte zufällig ans Licht, dass das Gegenüber in Hawaii saß. Es war ein weltweites Dorf.

Mit Tim Berners-Lee kam die berühmte Kaffeemaschine im Trojan Room in Cambridge – der erste Webcam-Stream der Geschichte, 1991 ans Netz gegangen, online bis 2001. Wer damals im Internet war, hat sie besucht. Die Telekom schwor noch auf BTX mit dem Gateway in Ulm und meinte, irgendetwas genuin Deutsches zu schaffen. So wie heute noch Bundesbehörden auf proprietäre Insellösungen schwören, Millionen in deutsche Projekte investieren, die dann untergehen – während amerikanische Techkonzerne das Sagen haben. Dabei ist die deutsche Open-Source-Community eine der stärksten der Welt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mich auf Englisch mit einem Entwickler unterhielt, um festzustellen, dass er praktisch auch aus München stammt.

Die erste Mauer

Das erste Mal, dass mir das Netz eine Grenze zog, war ein konkreter Verlust. Ich hatte den Siebmacher in einer US-Bibliothek gefunden, damals frei zugänglich im Netz. Eines Tages war er weg. Nicht wirklich weg – nur nicht mehr erreichbar von einer deutschen IP-Adresse. Mit einer amerikanischen IP war er noch da. Eine Linie war gezogen worden, die man nicht sehen, nur umgehen konnte.

Dann verschwanden Texte auf Gutenberg.org. Der Verlag S. Fischer GmbH – eine Tochter von Holtzbrinck – hatte am 30. Dezember 2015 in Frankfurt Klage eingereicht und gefordert, 18 eBooks von Thomas Mann, Heinrich Mann und Alfred Döblin zu sperren. Das Gericht gab dem Verlag recht. Project Gutenberg, eine kleine Non-Profit-Organisation ohne Werbeeinnahmen und ohne Serverprotokolle, konnte weder zahlen noch nachweisen, wie oft die Werke heruntergeladen worden waren – weil solche Daten schlicht nicht existierten. Statt 18 Bücher zu sperren, sperrte Project Gutenberg daraufhin Deutschland insgesamt. Alle deutschen IP-Adressen, auf unbestimmte Zeit.

Werke, die zwischen 1897 und 1920 entstanden waren. Autoren, von denen der bekannteste – Thomas Mann – 1955 gestorben ist. Das Urheberrecht für ihn läuft in Deutschland bis 2025. Die Lizenzverwerter hatten mit der Fragmentierung des Netzes begonnen. Die Politik übernahm das Prinzip glorreich.

Der Splinternet

Was damals als Randfall erschien, ist heute Normalzustand. Der Begriff dafür heißt Splinternet – das gespaltene Netz. Laut Freedom House ist die globale Internetfreiheit seit 15 aufeinanderfolgenden Jahren gesunken. Von 72 untersuchten Ländern verschlechterten sich die Bedingungen zuletzt in 28, in 17 verbesserten sie sich. China und Myanmar gelten als die repressivsten Umgebungen weltweit. Island als die freieste.

Russland hat 2019 ein Sovereign Internet Law verabschiedet, das die technische Abtrennung des russischen Netzes vom globalen Internet erlaubt. Bis Mitte 2022 wurden in Russland bereits über 20.000 Webseiten unter diesem Gesetz gesperrt.

Die Konsequenzen dieser Abschottung sind paradox. Als am 19. Juli 2024 ein fehlerhaftes Update des Sicherheitsunternehmens CrowdStrike weltweit Millionen von Windows-Systemen lahmlegte, blieb China weitgehend verschont. Nicht durch Glück, sondern durch Struktur: China hatte ausländische Systeme durch heimische Anbieter wie Alibaba, Tencent und Huawei ersetzt. Die US-Exportrestriktionen, mit denen Washington China schwächen wollte, hatten das Land faktisch gezwungen, eine resiliente Eigeninfrastruktur aufzubauen. China nutzt diesen Vorteil jetzt. Über DeepSeek lässt sich über Taiwan oder Tibet kaum sprechen. Was man dafür bekommt, ist Stille oder Ablenkung. Yandex und Putin funktionieren ähnlich. Die Zensur ist dort nur politisch – aber brutal. Das wenigstens ist offen kommuniziert.

Die stille Sortierung

Was die amerikanischen Techkonzerne machen, ist strukturell vergleichbar, aber anders verpackt. Sie zensieren nicht deklariert. Sie sortieren. Zwischen einer deutschen und einer russischen IP-Adresse. Zwischen einem ausgeforschten Nutzer mit vollständigem Verhaltensprofil und einem, der Cookies löscht, JavaScript einschränkt und der für das Captcha-System von Microsoft kein Mensch mehr ist.

Wer auf seine Privatsphäre Wert legt, ist aus Sicht dieser Systeme ein Anomalie. Eine Bedrohung. Ein Bot. Das System, das angeblich den Menschen schützen soll, bestraft denjenigen, der sich schützen will. Wer sich nicht ausleuchten lässt, bekommt schlechtere Suchergebnisse, scheitert an Captchas und existiert für die KI-gestützte Suche von Bing schlicht nicht.

Dabei ist das Identifikations-Repertoire längst über IP-Adressen und Cookies hinaus. Canvas-Fingerprinting. GPU-Charakteristika. CPU-Taktfrequenz. Das Klickmuster, die Pausenlänge zwischen Tastendrücken, die Art, wie sich die Maus bewegt. Neuronale Netze verarbeiten diese Signale in Echtzeit. Selbst über Tor bist du mit dieser Kombination identifizierbar. Das sind keine Verschwörungstheorien – das ist peer-reviewed Forschungsstand.

Apple macht Werbung mit Datenschutz und ist strukturell auf demselben Markt unterwegs. Google verkündet Datenschutz und erlaubt seinen Werbekunden das Fingerprinting. Facebook zahlt Bußgelder, die kleiner sind als der Gewinn, den die Daten einbrachten.

Die europäische Frage

Spannend dabei ist, wie gerne die Europäer mitspielen. Markus Söder ist als bayerischer Ministerpräsident eher Sponsor amerikanischer Techkonzerne als eigenständiger europäischer Politiker. Millionen fließen in US-Cloud-Verträge, in Microsoft-Lizenzen, in Dienste, deren Server, deren Recht und deren Entscheidungsstruktur jenseits des Atlantiks liegen.

In den 1980er Jahren hatte Deutschland noch irgendeinen Anspruch, mitzuspielen. Nixdorf. SAP in den Kinderschuhen. BTX als gescheiterter Eigenentwurf. Heute sind wir Anhängsel. Die Franzosen sind da selbstbewusster. Mistral AI als europäischer Versuch digitaler Souveränität. Ein Versuch zumindest.

Eigentlich grundsätzlich schade, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk für den Rest der Welt seine Sendungen blockiert. ARD und ZDF, finanziert durch Gebühren aller Deutschen, sind für russische, chinesische oder amerikanische Augen unsichtbar geschaltet. Das ist die gleiche Logik wie bei S. Fischer gegen Project Gutenberg – territoriales Denken in einem Netz, das einmal keine Grenzen kannte.

Was bleibt

Was du aus dem Netz siehst und was dir präsentiert wird, ist vorsortiert: von der IP-Geolokation über dein Klickverhalten bis zur Frequenz deines Prozessors. Die Sortierung ist nicht neutral. Sie dient denjenigen, die die Infrastruktur besitzen.

Das Internet der neunziger Jahre existiert noch – aber nur für diejenigen, die es technisch zu rekonstruieren wissen. Tor. VPN. Lynx im Terminal. Ein Browser auf einem X-Server einer anderen Maschine. Das sind die Werkzeuge, mit denen man unter der Absperrung durchkriechen kann, während die Security noch damit beschäftigt ist, die Drehtür aufzubauen.

Für den Otto Normalverbraucher ist das weltweite Dorf vorbei. Was bleibt, ist ein sorgfältig beleuchtetes Einkaufszentrum, in dem jede Kamera weiß, wie lange du vor welchem Regal stehst.


Anmerkung: Die Fakten zur Project-Gutenberg-Klage beziehen sich auf das Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main vom Februar 2018. Freedom-House-Daten: Freedom on the Net 2025. Browser-Fingerprinting-Daten: Stand Februar 2025 (Freigabe durch Google). CrowdStrike-Ausfall: 19. Juli 2024.

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