Die Brandmauer war einst als unumstößlicher Schutzwall konzipiert, doch auf dem Parkett der praktischen Machtpolitik gleicht sie längst einer bröckelnden Requisite.
Wenn sich das Führungspersonal der deutschen Konservativen zur Standortbestimmung trifft, geht es längst nicht mehr nur um programmatische Nuancen. Es geht um die Gretchenfrage der modernen Union: Wie hältst du es mit der AfD? Drei Männer prägen diese Debatte mit jeweils eigenen, tief sitzenden Barrieren – Friedrich Merz, Markus Söder und Manfred Weber. Sie wirken wie Gesellen desselben politischen Handwerks, die an denselben Herausforderungen arbeiten, aber in völlig unvereinbare Denk- und Handlungszwänge verstrickt sind.
Der Verwalter des Erbes
Friedrich Merz hat die Abgrenzung nach rechts außen zur Chefsache und damit zur Existenzfrage erhoben. Als er im Dezember 2021 ankündigte, dass jeder aus der CDU ausgeschlossen werde, der mit der AfD zusammenarbeite, zog er eine Linie in den Sand. Seine damalige Ansage war unmissverständlich: „Mit mir wird es eine Brandmauer zur AfD geben“, und wer die Hand hebe, um mit der AfD zusammenzuarbeiten, für den stehe „am nächsten Tag ein Parteiausschlussverfahren an“.[1][2] Auch Jahre später erinnert er die ostdeutschen Landesverbände starr an dieses Kooperationsverbot. Seine Begründung trägt das Gewicht der Staatsräson: Die AfD stelle „das Erbe der Bundesrepublik Deutschland infrage“, und er sei keineswegs bereit, dieses Erbe für einen kurzfristigen Machtgewinn zu verspielen.
Doch genau dieses Festhalten schlägt ihm in den eigenen Reihen als Schwäche entgegen. Teile der Partei sehen in der starren Haltung den Hauptgrund für schmerzhafte Wahlniederlagen. Merz kämpft gegen einen rasanten Autoritätsverlust.[3] Zwar halten ihm mehrere CDU-Ministerpräsidenten öffentlich den Rücken frei, doch die Basis droht ihm zu entgleiten. Als in Sachsen-Anhalt CDU-Abgeordnete mutmaßlich für einen AfD-Politiker als Landtagspräsidenten stimmten,[4][5] wurde sichtbar, wie stark das Fundament der Partei bereits zerbröselt. Merz steckt in der Falle seiner eigenen Prinzipientreue: Rückzug würde seinen politischen Ruin bedeuten, Beharrsamkeit isoliert ihn weiter.
Der Meister der doppelten Botschaft
Markus Söder wählt eine ganz andere Mechanik, um sich im Diskurs zu positionieren. Er erklärt die Brandmauer kurzerhand für „gescheitert“, weist aber gleichzeitig jede Form von Kooperation von sich. In der ARD-Sendung „Maischberger“ sagte er mit Blick auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt: „Das Konzept Brandmauer ist gescheitert“.[6] Sein Credo lautet, man müsse die AfD stattdessen „inhaltlich stellen“.[7] Söder warnt eindringlich davor, dass eine Regierungsbeteiligung der Rechten die Union im Kern spalten würde:
„Jeder, der glaubt, mit der AfD wird es leichter, der wird erleben, dass sich die Union spalten würde. Sie wird am Ende damit nur noch eine Rumpftruppe werden.“
Dennoch spart der CSU-Chef nicht mit scharfer Kritik am Konzept der Brandmauer selbst. So entsteht ein eklatanter Widerspruch: Söder dekonstruiert das Schutzkonzept, ohne eine praktikable Alternative anzubieten. Durch diese doppelte Rhetorik entzieht er sich jeder klaren Festlegung, bleibt aber für argumentative Zugriffe von außen schlicht unerreichbar.
Der pragmatische Grenzgänger
Manfred Weber agiert derweil als der Getriebene der europäischen Bühne. Als Chef der EVP-Fraktion im Europaparlament zeigt er längst geringere Berührungsängste. Im März 2026 wurde bekannt, dass die EVP-Fraktion – zu der CDU und CSU im EU-Parlament gehören – in Chatgruppen und bei einem persönlichen Treffen mit rechten Parteien, darunter auch die AfD, an einem Gesetzesvorschlag zur Verschärfung der Migrationspolitik arbeitete.[8] Das Vorhaben sollte unter anderem die Abschiebung von Asylsuchenden in sogenannte „Return Hubs“ in Staaten außerhalb der EU ermöglichen.[9] Söder zeigte sich „überrascht, irritiert und verstört“ und Weber musste zusagen, „er würde es künftig abstellen“.[10][11]
Weber spricht offen aus, was viele an der Basis denken: Die Abgrenzung sei eine „Riesenbelastung“, da die Union in ostdeutschen Landtagen gezwungen sei, dauernd mit linken Parteien zu stimmen und damit eine Politik mitzutragen, die ihrem eigenen Markenkern widerspricht.[12] Für ihn ist die Formel „die oder wir“ überholt. Doch wer im Parlament mit der AfD stimmt und sie zeitgleich als politischen Hauptgegner bezeichnet, verliert unweigerlich das Gütesiegel der Eindeutigkeit.
Die Immunität gegen Argumente
Das eigentliche Drama dieser Konstellation liegt nicht im Mangel an Fakten oder Einsichten, sondern darin, dass jedes rationale Argument sofort in das jeweilige Überlebensnarrativ der Akteure eingebaut wird. Die Union steckt in einer schmerzhaften Rationalitätsfalle:
- Das Wahlergebnis als Projektionsfläche: Nach desaströsen Landtagswahlen zieht Söder den Schluss, dass die Brandmauer die Wähler vertreibt, während Merz dieselben Zahlen als Beweis sieht, dass man nur durch Standhaftigkeit Haltung bewahren kann.
- Die verdrängte Demoskopie: Der Meinungsforscher Manfred Güllner betont seit Langem, dass die Union immer dann am stärksten war, wenn sie sich glasklar abgrenzte. Von den Abwanderern wechselt nur ein kleiner Teil direkt zur AfD; die Partei verliert bei Unentschlossenheit in alle Richtungen.[13][14] Doch mathematische Daten verpuffen an der gefühlten Realität bitterer Wahlabende.
- Die Rhetorik der „roten Linien“: Begriffe wie „rote Linien“ werden oft als Kompromiss vorgeschoben, lassen aber bewusst offen, ob diesseits dieser Linien nicht doch eine punktuelle Zusammenarbeit denkbar wäre. In Rheinland-Pfalz setzt Landrätin Bettina Dickes auf „rote Linien“ statt Brandmauer, während Ministerpräsident Gordon Schnieder betont, wer rote Linien ziehe, sage damit, dass Zusammenarbeit grundsätzlich denkbar sei.[15][16]
- Die Taktik der AfD: Die Rechten nutzen diese Situation systematisch aus, indem sie Anträge stellen, die inhaltlich nah an CDU-Positionen liegen. Stimmt die Union zu, durchbricht sie das Kooperationsverbot; stimmt sie dagegen, verleugnet sie ihr eigenes Programm. Das AfD-Strategiepapier von 2025 mit dem Titel „Deutschland politisch gestalten – Das Ende der Brandmauer und der Weg in die Regierungsverantwortung“ beschreibt exakt dieses Vorgehen: Die Brandmauer soll „von oben“ und „von unten“ gestürzt werden,[17] mit dem erklärten Ziel: „Für ein gemeinsames Ziel: Alice ins Kanzleramt“.[18]
Das Primat der Macht
Merz, Söder und Weber sind über Aufklärungsversuche erhaben, weil sie nicht in einer theoretischen Debatte feststecken, sondern in Sachzwängen. Merz kann die Brandmauer nicht schleifen, ohne seine Integrität zu opfern. Söder kann sie nicht zeitgleich für tot erklären und aufrechterhalten. Weber kann Allianzen in Brüssel nicht leugnen, ohne seine europapolitische Strategie aufzugeben.
Am Ende bleibt nur eine Variable, die in diesem Geflecht Entscheidungen erzwingt: die Mechanik der Macht. Weder Leitartikel noch historische Parallelen werden den Kurs der Beteiligten verändern. Der Druck der Basis und der Druck aus den Landesverbänden diktieren das Handeln. Solange aus der Fläche Signale für ein Aufweichen der Schranken kommen, werden pragmatische Strömungen diesen Impulsen folgen. Merz mag versuchen, die Disziplin aufrechtzuerhalten – doch im Schatten der internen Fliehkräfte verengt sich sein Handlungsspielraum von Tag zu Tag.

