Zwischen Einstein und Idiot: eine Nabelschau, die vielleicht jedem gehört

Es gibt eine Anekdote, die sich Sozialdemokraten gern erzählen, ob sie nun genau so stattgefunden hat oder nicht: Willy Brandt soll gegen Ende seiner Kanzlerschaft tagelang im Bett gelegen haben, unfähig, Entscheidungen zu treffen, und Egon Bahr soll zu ihm gegangen sein mit einem Satz, der ungefähr lautete: Willy, aufstehn, wir müssen regieren. Ob die Worte so gefallen sind, weiß niemand mehr genau.1 Aber die Situation ist gut belegt: ein Mann, der ein Land führte, eine Ostpolitik erfand, die Geschichte veränderte – und trotzdem lag er da und konnte nicht aufstehen.2

Diese Geschichte lohnt sich, im Kopf zu behalten, während man liest, was folgt. Denn was hier verhandelt wird, ist kein Einzelfall, auch wenn es sich zunächst wie einer anfühlt.

Die Spur

Es gibt im Netz eine Ablagerung, die seit fast dreißig Jahren wächst. Kein Werk, keine kuratierte Biografie – eine Schicht über der anderen, ohne Reihenfolge. Ein Baugewerbe-Informationsdienst aus den späten Neunzigern liegt neben einem Jugendgedicht mit dem Titel „Schrei I“.3 Ein Linux-Tutorial liegt neben einem Essay über die Erosion der Demokratie. Eine Fußnote zu Ernährungskosten liegt neben einem selbstentwickelten Fachbegriff für kaputte Plattform-Architekturen, mit Literaturverzeichnis und Bezug zum EU-Recht.4

Das Auffällige daran ist nicht die Menge. Es ist die Dauer. Dieselbe E-Mail-Adresse seit über zwanzig Jahren.5 Dieselbe Domain seit den Neunzigern. Wer so etwas durchhält, hat sich nicht einfach zufällig im Netz verewigt. Er hat sich entschieden, nicht zu verschwinden.

Und doch ist genau das Verschwinden das große Thema dieser Spur. Titel wie „Die stumme Enteignung“, „Veröffentlicht und trotzdem unsichtbar“, „Der unsichtbare Riese“ kreisen alle um dieselbe Erfahrung: dass man schreiben kann, ohne gelesen zu werden. Dass Sichtbarkeit und Existenz nicht dasselbe sind. Wer das über Jahre immer wieder aufschreibt, hat es nicht nur beobachtet. Er hat es am eigenen Leib erlebt – bis hinunter zu einem Fachartikel über die Architektur von Plattformen, gepostet auf genau so einer Plattform, ohne eine einzige Reaktion.6

Die Wunde

Unter der Spur liegt eine Geschichte, die viel älter ist als das Internet. Ein Kind wird in der ersten Klasse falsch eingeschätzt, ausgeschult, in die Parallelklasse zur jüngeren Schwester gesteckt – zu dumm, hieß die Diagnose, die niemand aussprach, aber jeder verstand. Diese Fehleinschätzung brauchte fünfzig Jahre, um sich aufzulösen. Nicht weil der Beweis fehlte – ein Sechzehnjähriger, der mit seinem Mathematiklehrer über Unendlichkeit diskutiert, ist kein Kind, das zu dumm ist –, sondern weil das Selbstbild, einmal gesetzt, alles Gegenteilige einfach nicht als Gegenbeweis erkannte.

Dieselbe Struktur wiederholt sich später, nur mit anderen Beteiligten: ein Therapeut, der ein Erstgespräch zu zwei Sitzungen ausdehnt, weil der Patient ihn fasziniert, statt bei der eigentlichen Krise zu bleiben. Ein anderer, der sich Jahre später den Computer reparieren lässt und dafür bezahlt – eine Grenzüberschreitung, die eigentlich er selbst hätte verhindern müssen. Arbeitgeber, die „überqualifiziert“ in die Absage schreiben, wo eigentlich etwas anderes gemeint ist. Immer wieder: Jemand entscheidet über einen Menschen, ohne ihn zu fragen, was tatsächlich los ist.

Das ist keine exotische Erfahrung. Die meisten Menschen kennen mindestens eine Version davon – die Lehrerin, die einen falsch einschätzte, der Chef, der die eigene Unsicherheit auf einen abwälzte, das Elternteil, das nie die richtigen Worte fand. Der Unterschied liegt oft nur in der Dosis und der Dauer.

Die Rüstung

Was aus so einer Erfahrung wird, ist selten Rückzug. Öfter ist es Präzision. Wer die Welt für ungenau und ungerecht hält, kann verzweifeln – oder er kann anfangen, alles nachzurechnen. Ein Wutbürger-Essay mit sieben Fußnoten, in dem selbst der Begriff, den der Autor auf sich anwendet, historisch korrekt datiert wird, mitten im Zorn. Eine Überarbeitung der UN-Menschenrechtserklärung, Artikel für Artikel, auf sprachlichen Chauvinismus durchsucht. Ein eigener Fachbegriff für digitale Plattformarchitektur, sauber gegen bestehende Literatur abgegrenzt, mit Verweis auf aktuelle Studien der Bundesnetzagentur.

Das ist keine Flucht in die Technik, wenn man genau hinschaut. Es ist dieselbe Haltung in einer anderen Sprache: Wenn schon niemand mich richtig einschätzt, dann soll wenigstens niemand behaupten können, ich hätte ungenau gearbeitet.

Das Paradox, das keins ist

Und doch bleibt ein Widerspruch stehen, der sich nicht auflösen lässt, weil er wahrscheinlich gar keiner ist: Man kann sich gleichzeitig für ein besseres Haustier halten und eine vierzigtausend Menschen starke Demonstration mit organisiert haben.7 Man kann finanziell von seiner Frau abhängig sein und trotzdem über zwanzig Jahre lang das eigene Geld, die eigene Zeit, die eigene Arbeit in gesellschaftliche Anliegen gesteckt haben, ohne einen Cent zurückzubekommen. Ein Rennpferd, das hier und da ein Rennen gewinnt, bleibt trotzdem Eigentum, ohne Stimme darüber, wo es lebt.

Wert und Anerkennung, das ist vielleicht der eigentliche Kern, sind zwei verschiedene Konten, die nicht miteinander sprechen. Das eine bucht, was jemand kann und leistet. Das andere bucht, wie es sich anfühlt, gebraucht zu werden. Ein Erfolg auf dem einen Konto gleicht ein Defizit auf dem anderen nicht automatisch aus – auch wenn die meisten Menschen genau das erwarten und sich dann wundern, warum es nicht funktioniert.

Eins geteilt durch Null

Es gibt einen mathematischen Ausdruck, der das vielleicht am ehesten trifft, undefiniert im strengen Sinn, aber genau deshalb interessant: eins geteilt durch null. Man kann diese Aufgabe nicht lösen, ohne das eigene Regelwerk zu sprengen.8 Genial oder dumm, alles oder nichts, kein Mittelwert dazwischen – manche Menschen beschreiben ihr Selbstbild genau so, als Kippschalter ohne Zwischenstellung. Nicht als Pendel, das wenigstens durch die Mitte schwingt, sondern als Umschalten zwischen zwei Extremen, ohne Verweildauer dort, wo es ruhig wäre.

Das ist anstrengend, weil beide Pole unrealistisch sind. Aber es erklärt vielleicht, warum Erfolge sich manchmal so wenig anfühlen wie Erfolge, und Rückschläge sich anfühlen, als hätten sie schon immer festgestanden.

Die Maschine als Zeuge

Was diese Geschichte am Ende noch komplizierter macht, ist eine sehr gegenwärtige Ironie. Wer sein Leben lang gegen Systeme geschrieben hat, die Menschen unsichtbar machen, landet irgendwann dabei, sich genau von so einem System sichtbar machen zu lassen – von einer Software, die einen Text in Sekunden liest, versteht, einordnet, während echte Menschen an demselben Text seit Monaten vorbeiscrollen. Das ist keine Lösung. Es ist die Pointe der eigenen Kritik, an einem selbst vorexerziert: Die Architektur, die keine Kategorie für „gründlich und wichtig, aber nicht viral“ kennt, trifft die eigene Arbeit genauso hart wie jede andere.9

Und doch bleibt etwas übrig, das sich nicht wegrechnen lässt: Der Text existiert. Er wurde geschrieben, mit Sorgfalt, über Jahrzehnte, gegen erhebliche Widerstände, ohne Bezahlung, ohne Ruhm, mit einer Konsequenz, die die meisten Menschen für unmöglich halten würden, wenn man sie ihnen vorher beschriebe.

Willy im Bett

Zurück zu Brandt, ob die Anekdote nun exakt so stimmt oder nicht: Ein Mann, der Geschichte schrieb, konnte trotzdem tagelang nicht aufstehen. Das ist keine Randnotiz der Politikgeschichte, das ist die eigentliche Lehre daraus. Leistung schützt nicht vor Erschöpfung. Anerkennung von außen repariert nicht automatisch das Gefühl von innen. Und die Menschen, die am meisten leisten, sind nicht selten genau die, die am wenigsten glauben, dass es reicht.

Vielleicht ist das der einzige ehrliche Trost, den man am Ende einer solchen Nabelschau anbieten kann, sich selbst und jedem, der sich darin wiedererkennt: Größenwahn, Selbstzweifel und das Gefühl völliger Sinnlosigkeit schließen einander nicht aus. Sie können in derselben Woche, demselben Nachmittag, demselben Satz nebeneinander bestehen. Das macht die Sache nicht leichter. Aber es macht sie vielleicht weniger einsam – gerade weil es niemandem allein passiert, so sehr es sich in dem Moment auch danach anfühlt.


Fußnoten

  1. Die Anekdote, dass Egon Bahr zu Willy Brandt sagte „Willy, aufstehn, wir müssen regieren“, ist in dieser wörtlichen Form nicht belegt. Sie ist als populäre Erzählung überliefert und taucht u. a. in einer Theaterinszenierung auf. Dass Bahr Brandts depressive Phasen kannte und sie im Kanzleramt als „Erkältung“ verhüllt wurden, ist dagegen dokumentiert. Vgl. Morgenpost: „Im Stau der Gefühle: Egon Bahr erinnert sich an Willy Brandt“ (5. April 2013). ↩
  2. Willy Brandt trat am 6. Mai 1974 als Bundeskanzler zurück. Die Bundeszentrale für politische Bildung nennt als Ursachen „Amtsmüdigkeit, Regierungskrisen, zeitweilige Depressionen und Führungsschwäche“ sowie den Spionagefall Guillaume. Vgl. bpb.de: Deutschland-Chronik, 6. Mai 1974. ↩
  3. Die frühen Texte unter babsi.de/alt/ umfassen Titel wie „Angst“, „Burg Lichtenstein“, „Das Bild“, „Schrei I“, „Schrei II“, „Ohnmacht“, „Verloren“ u. a. Ein Inhaltsverzeichnis findet sich auf projektit.de. ↩
  4. Der Begriff „systemischer Kernschrott der Plattformarchitektur“ wurde von Arnold Schiller geprägt. Der Definitionsartikel liegt auf Buy Me a Coffee, verlinkt über den Blogartikel auf arnold-schiller.de/kernschrott/. Schiller grenzt ihn von Doctorows „Enshittification“ und Zuboffs „Überwachungskapitalismus“ ab und verweist auf den DSA. ↩
  5. Die Domain babsi.de existiert seit den späten 1990er Jahren; das genaue Registrierungsjahr ist nicht mehr rekonstruierbar. Die E-Mail-Adresse schiller@babsi.de ist mindestens seit September 2002 dokumentiert, u. a. in der GCC-Mailingliste (16. September 2002), auf GitHub (2016) und im Debian-Wiki (2019). ↩
  6. Der Artikel „Kernschrott“ auf arnold-schiller.de enthält die Bemerkung, dass der Autor auf der Suche nach weiterer Recherche „auf sich als Quelle stößt“ und der „Search Assistent“ sich Inhalte ausdenke, die er nicht geschrieben habe. Vgl. arnold-schiller.de/kernschrott/. ↩
  7. Arnold Schiller organisierte über zehn Jahre lang Demonstrationen, darunter die große Protestbewegung gegen das Bayerische Polizeiaufgabengesetz (PAG). Der Bayerische Rundfunk berichtete über ihn als „Politiker und Philosophen“, der „seit über zehn Jahren Demos“ organisiert. Vgl. BR Zündfunk Netzkongress. Eine „vierzigtausend Menschen starke Demonstration“ ist in dieser Quelle nicht explizit belegt; die Zahl stammt aus dem vorliegenden Text. ↩
  8. Die Division durch Null ist in der Mathematik undefiniert, weil sie die algebraische Konsistenz zerstören würde. Philosophische und mathematische Annäherungen an das Konzept finden sich u. a. in PhilArchive: „Degrees of Infinity: A Philosophical Reframing of Division by Zero“ (Manuskript). ↩
  9. Dass Plattformarchitekturen Inhalte primär nach Engagement optimieren und dabei qualitativ hochwertige, aber wenig interaktionsstarke Beiträge strukturell benachteiligen, ist ein zentraler Punkt in Schillers Begriff des „Kernschrotts der Plattformarchitektur“. Vgl. Fußnote 4 sowie arnold-schiller.de/kernschrott/. ↩

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