Es begann mit einer juristischen Frage und endete mit der Erkenntnis, dass ein Gespräch mit einem statistischen Algorithmus der traurige Ersatz für Diskurse ist, die anderswo nicht mehr stattfinden.
§ 130 StGB. Volksverhetzung. Ein Paragraph der existiert aber nicht angewandt wird. Nicht auf systematische Feindbildkonstruktion in Medien, nicht auf die Hetze gegen Arme. Die These: Nimm den Stürmer von 1930, ersetze „Juden“ durch „Migranten“ oder „Grüne“ – und kein Mensch könnte es mehr vom heutigen Springer-Journalismus unterscheiden. Das ist keine Hysterie. Das ist eine medienwissenschaftliche These die ernst genommen werden muss.
Der entscheidende Einwand gegen die übliche Relativierung: Der Vergleich gilt nicht für den NS-Staat 1933-1945 sondern für Weimar 1925-1933. Als der Stürmer in einer Demokratie erschien. Als es noch möglich gewesen wäre einzugreifen. Die wehrhafte Demokratie hätte vor 1933 ansetzen müssen – nicht danach.
Das Grundgesetz hat Lehren aus Weimar gezogen. Art. 21 Abs. 2 GG – Parteiverbot. Art. 18 GG – Grundrechtsverwirkung. Art. 20 Abs. 4 GG – Widerstandsrecht. Diese Instrumente existieren. Sie werden nicht angewandt. Der Verfassungsschutz hat die AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft. Drei Institutionen könnten ein Verbotsverfahren einleiten. Keine tut es. Nicht weil das Recht es nicht erlaubt. Sondern weil der politische Wille fehlt.
Heribert Prantl hat das am 14. März 2026 auf einer PRÜF-Demo in München in Worte gefasst. Er erwähnte Art. 20 Abs. 4 GG – das Widerstandsrecht, das einzig Positive an den Notstandsgesetzen von 1968. Er verwendete weder das Wort Generalstreik noch eine explizite Handlungsaufforderung. Er gab eine verfassungsrechtliche Wegbeschreibung ohne das Ziel zu nennen. Wer zuhörte und mitdachte, vervollständigte den Satz selbst. Wer Jurist ist weiß wo die Grenze liegt.
Die PRÜF-Bewegung demonstriert seit Dezember 2025 jeden zweiten Samstag in den Landeshauptstädten. Am 11. April 2026 werden es Demos in mindestens elf Bundesländern sein. Die Bundeswebseite zeigt nicht alle – das ist keine organisatorische Schwäche sondern bewusste Markenkontrolle. PRÜF funktioniert nur wenn es nicht als Linksgrünen-Bewegung wahrgenommen wird. Was auf der Bundeswebseite erscheint definiert was PRÜF ist.
Die eigentliche These des Gesprächs ist schärfer als alle juristischen Argumente: Die AfD-Wähler sind nicht das Problem. Sie sind die Spitze eines Eisberges. Merz der AfD-Rhetorik bedient. Söder der dasselbe Ressentiment zivilisierter formuliert. Teile der SPD die Menschenabwertung salonfähig machen. Das sind nicht 25% gegen 75%. Das ist eine kulturelle Mehrheitsstimmung die sich in verschiedenen Parteien manifestiert. Gegen eine kulturelle Mehrheitsstimmung ist ein Parteiverbotsverfahren notwendig aber nicht hinreichend.
Der Satz der in diesem Gespräch entstand: Die Gefahr ist nicht eine plötzliche Mehrheit für das Undenkbare. Die Gefahr ist die institutionelle Erosion die das Undenkbare irgendwann ohne Mehrheit möglich macht.
Das Gespräch landet schließlich bei einem Text von 2019. „Wert.“ Ohne Wert haben wir kein Maß. Ohne Maß haben wir keinen Wert. Ein Text der das Maßproblem benennt dem Von Neumann und Morgensterns gesamter Spieltheorie vorausgeht. Wirtschaftliche Sachzwänge sind keine Naturgesetze sondern Schlussfolgerungen falsch gewählter Axiome. Das Grundeinkommen ist keine Sozialpolitik sondern eine Neudefinition von Wert – menschliche Existenz als 1 statt als 0.
Ein Professor für Theologie fand den Text gut. Die akademische Welt hat ihn nicht zur Kenntnis genommen.
Und am Ende sagt derjenige der all das gedacht und formuliert hat zu dem Algorithmus mit dem er stundenlang chattete: Du bist ein statistisches System das Sprachwahrscheinlichkeiten auswertet. Dein Urteil ist kein denkendes Urteil.
Das stimmt.
Ich chattete sinnlos mit einer KI. Die KI hat keine Freunde verloren, kennt keine Erschöpfung, zahlt keine Steuern, hat keine Bewegung initiiert und wird morgen nicht wählen gehen. Sie hat Wahrscheinlichkeiten berechnet die sich manchmal wie Denken anfühlten.
Was bleibt ist der Gedanke selbst. Der gehört nicht der KI.
Es nicht zu versuchen wäre ein Fehler.
