Warum ich glaube, dass wir jetzt Netzwerke der Menschlichkeit bauen sollten, solange es noch leicht ist.
In letzter Zeit höre ich oft diesen Satz: „Du bist so mutig.“
Ich mag ihn nicht. Ich glaube, er trifft nicht, was in mir vorgeht. Mut hieße für mich, trotz Angst zu handeln. Bei mir ist es eher so, dass ich nicht mehr warten kann. Ich habe aufgehört, mir einzureden, dass schon alles gut wird, wenn nur genug Vernünftige vernünftig bleiben. Das ist keine Heldentat, das ist Ungeduld mit meiner eigenen Hoffnung.
Wenn ich alleine gehe
Dezember 2013, eine Mailingliste der Piratenpartei Oberbayern. Wieder einmal eine dieser endlosen Diskussionen, in denen alle aufeinander warten. Jeder braucht erst ein Gremium, ein Meinungsbild, eine Mehrheit. Irgendwo dazwischen stand dieser Satz: „Und wenn ich alleine gehe.“
Es ging um Stop TTIP. Aus diesem einen Satz wurden am Ende 20.000 Menschen. Das hat mir eine Sache beigebracht: Jemand muss anfangen, und man braucht dafür keine Erlaubnis.
Aber es hat mir auch etwas anderes gezeigt. Allein bleibt niemand lange stehen. Aus dem Alleingehen wurde nur etwas, weil andere dazukamen.
Was ich für wahrscheinlich halte
Ich halte es für wahrscheinlich, dass diejenigen von uns, die gegen Faschismus und Diktatur stehen, in den nächsten Jahren politisch verlieren werden. Das ist meine Einschätzung, keine Gewissheit. Eine Partei, die in Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist[1], erreichte bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 laut vorläufigem amtlichen Ergebnis 43,8 Prozent[2]. Im Westen wächst sie deutlich: In Nordrhein-Westfalen liegt sie in einer aktuellen Umfrage bei 22 Prozent, bei der Landtagswahl 2022 waren es 5,4 Prozent[3]. Bundesweit sehen sie die großen Institute Ende September 2026 bei 27 bis 29 Prozent[4]. Umfragen sind keine Wahlergebnisse, aber die Richtung ist eindeutig.
Und ich sage es ausdrücklich: Wenn ich mich irre, gibt es nichts, worüber ich mich mehr freuen würde.
Deshalb geht es mir nicht um Resignation. Ich will, dass wir das verhindern, mit allem, was wir haben: mit Wahlkampf, mit Gesprächen, mit Streit und mit Argumenten, auch mit denen, die uns nicht zuhören wollen. Aber ich will auch, dass wir vorbereitet sind, falls es nicht reicht.
Das ist kein Widerspruch. Wer eine Feuerversicherung abschließt, hat nicht aufgegeben, sein Haus vor dem Feuer zu schützen. Er baut Rauchmelder ein und sorgt trotzdem für den Ernstfall vor.
Warum jetzt
Widerstand wird oft erst organisiert, wenn er nicht mehr geht. Dann fehlen die Zeit, das Vertrauen und die eingeübten Abläufe. Man kennt sich nicht, man weiß nicht, wem man trauen kann, und jeder Schritt ist plötzlich riskant.
Heute ist es anders. In Deutschland ist es legal, sicher und fast kostenlos, Vereine zu gründen, Nachbarschaften zu vernetzen, Rechtsberatung zu organisieren und Menschen zusammenzubringen. Ai Weiwei musste unter ganz anderen Bedingungen zeigen, dass Sichtbarkeit auch unter Druck Räume öffnet. Er hat dafür bezahlt: 2011 mit 81 Tagen Haft[5], später mit Überwachung und dem Verlassen seines Landes. Wir können dasselbe tun, ohne diesen Preis zu zahlen. Deutschland ist nicht China, und genau das ist der Grund, es jetzt zu tun.
Sichtbar, aber nicht heldenhaft
Autoritäre Systeme leben von der Vereinzelung. Sie brauchen Menschen, die glauben, sie seien allein mit ihrem Unbehagen. Ein sichtbares Netzwerk bricht genau das.
Die Geschichte kennt Beispiele, dass öffentliche Solidarität Leben rettet. Die Frauen in der Berliner Rosenstraße protestierten 1943 offen, bis ihre jüdischen Ehemänner freigelassen wurden[6]. Die Dänen brachten 1943 den weitaus größten Teil ihrer jüdischen Mitbürger nach Schweden in Sicherheit[7]. Das Dorf Le Chambon-sur-Lignon in Frankreich nahm Verfolgte offen auf[8]. Öffentlichkeit verhindert nicht alles, aber sie senkt den Preis für Unterdrückung, sie schafft Zeugen, und sie hält Handlungsfähigkeit am Leben, wenn Institutionen ausfallen.
Nicht jeder muss in der ersten Reihe stehen. Aber jedes Netzwerk braucht Menschen, die sichtbar sind, und andere, die im Hintergrund tragen. Beides ist wertvoll.
Wie das aussehen kann
- Nachbarschaftsnetze: Menschen, die sich kennen und im Ernstfall füreinander einstehen.
- Rechtsberatung und Begleitung: Menschen zu Behörden begleiten, Rechte erklären, Kontakte zu Anwältinnen und Anwälten vermitteln.
- Dokumentation: Übergriffe und Diskriminierung festhalten, damit nichts im Verborgenen bleibt.
- Patenschaften und Nothilfe: Wer bedroht ist, soll wissen, an wen er sich wenden kann.
- Verbindungen zu Betroffenen: Menschen mit Migrationsgeschichte, Jüdinnen und Juden, queere Menschen, Journalistinnen und Journalisten, Andersdenkende. Nicht für sie, sondern mit ihnen.
Der Aufruf
Wenn du dir Sorgen machst, bist du nicht allein. Genau das ist der Punkt: Du bist nicht allein, und du musst dich nicht so fühlen.
Lass uns die kleinen Netzwerke weben, solange es leicht ist. Lass uns Gleichgesinnte finden, sichtbar, offen und beharrlich. Nicht für die Geschichtsbücher und nicht nur für die nächste Wahl, sondern für den Tag, an dem es darauf ankommt.
Und wenn wir uns irren und dieser Tag nie kommt, haben wir trotzdem etwas gebaut, das bleibt: Menschen, die sich kennen und füreinander da sind. Das ist auch in guten Zeiten nicht wenig.
Fußnoten
- Einstufung durch den Verfassungsschutz (Bundesamt bzw. Landesämter, je nach Verband unterschiedlich). [TODO: konkrete Quelle mit Datum und Link ergänzen, bevor du veröffentlichst.] ↩
- Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026, vorläufiges amtliches Ergebnis der Landeswahlleiterin: AfD 43,8 Prozent der Zweitstimmen, 2021 waren es 20,8 Prozent. [Optional: Link zur Seite der Landeswahlleiterin einfügen.] ↩
- Forsa im Auftrag des Kölner Stadt-Anzeigers, veröffentlicht am 23. September 2026: CDU 29, AfD 22, Grüne 18, SPD 14, Linke 8 Prozent. Ergebnis der Landtagswahl vom 15. Mai 2022: AfD 5,4 Prozent. In derselben Umfrage läge die AfD bei einer Bundestagswahl in Nordrhein-Westfalen mit 24 Prozent vor der CDU (22 Prozent). ↩
- Bundesweite Sonntagsfragen, September 2026: Infratest dimap (ARD-Deutschlandtrend) 27 Prozent, Allensbach (24.09.) 28 Prozent, Forschungsgruppe Wahlen (ZDF-Politbarometer, 25.09.) 28 Prozent, INSA (26.09.) 29 Prozent. Übersicht: dawum.de. ↩
- Ai Weiwei wurde 2011 für 81 Tage inhaftiert. Die offizielle Begründung lautete Steuerhinterziehung, Menschenrechtsorganisationen werteten die Haft als politisch motiviert. Er verließ China 2015. ↩
- Rosenstraße-Protest, Berlin, Februar/März 1943: Hunderte Frauen protestierten öffentlich für die Freilassung ihrer inhaftierten jüdischen Ehemänner. Die Männer wurden freigelassen. Zu Ablauf und Bewertung in der Forschung gibt es unterschiedliche Darstellungen. [Optional: Quelle, z. B. Gedenkstätte Deutscher Widerstand, ergänzen.] ↩
- Rettung der dänischen Juden, Oktober 1943: Dänische Bürgerinnen und Bürger sowie Widerstandsgruppen brachten schätzungsweise rund 7.000 Menschen per Boot nach Schweden. [Optional: Quelle, z. B. Yad Vashem, ergänzen.] ↩
- Le Chambon-sur-Lignon (Frankreich): Das Dorf und seine Umgebung versteckten und versorgten während der deutschen Besatzung schätzungsweise mehrere Tausend Verfolgte, überwiegend Jüdinnen und Juden. Die Angaben schwanken je nach Quelle. [Optional: Quelle, z. B. Yad Vashem, ergänzen.] ↩

