Der Tod ist ein Statistiker: Warum wir das Falsche fürchten
Jeden Tag sterben in Deutschland etwa 2.700 Menschen. Jeden Tag sterben sie an etwas. Und jeden Tag liegen die tatsächlichen Todesursachen und die gefühlten Bedrohungen meilenweit auseinander. Eine nüchterne Bestandsaufnahme – mit allen methodischen Einschränkungen.
Der Hitzetod: Ein stiller Killer mit Unsicherheiten
Beginnen wir mit dem Sommer. Der Klimawandel ist spürbar, die Hitzewellen werden intensiver. Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass im Jahr 2024 in Deutschland 2.800 Menschen hitzebedingt starben, im Vorjahr waren es 3.100.1 Andere Berechnungen kommen auf rund 6.300 Todesopfer allein im Sommer 2024 – das wäre mehr als das Doppelte.2
Der Unterschied liegt in der Methode. Das RKI zählt konservativ, andere Studien rechnen großzügiger. Fest steht: Es sterben jedes Jahr Tausende Menschen, weil es zu heiß ist. Sie sterben in ihren Wohnungen, in Pflegeheimen, auf der Straße – an Kreislaufversagen, Dehydrierung oder der Verschlimmerung von Vorerkrankungen.
Und was passiert? Eine Randnotiz in den Nachrichten. Keine Sondersendung. Kein Aufschrei. Der Hitzetod ist der stille Killer, der in heißen Jahren statistisch ähnlich viele Menschenleben kostet wie der Straßenverkehr – aber kaum jemand nimmt ihn als Bedrohung wahr.
Der Straßenverkehr: Der Tod, den wir alle kennen
2.780 Menschen starben 2024 bei Verkehrsunfällen in Deutschland. Das ist der drittniedrigste Wert seit Beginn der Erfassung 1953. Ein Rückgang um zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der Verletzten sank auf etwa 363.000, die der Schwerverletzten auf 50.300 – der niedrigste Stand seit 1991.4
Das ist eine Erfolgsgeschichte. Gurt, Airbag, Tempolimits, Sicherheitstechnik. Und dennoch: Jeden Tag sterben im Durchschnitt etwa acht Menschen auf deutschen Straßen. Die meisten von ihnen sind keine anonymen Opfer – es sind Menschen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.
Der Mord: Die Angst, die uns regiert
Kommen wir zum Delikt, das in den Köpfen die größte Rolle spielt: der vorsätzlichen Tötung.
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 668 Menschen Opfer eines vollendeten Mordes oder Totschlags. Das sind acht weniger als im Vorjahr.6 Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zählte insgesamt 2.303 Fälle von Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen – ein Anstieg um 0,9 Prozent, aber auf einem Niveau, das weit unter den 5.140 Fällen von 1993 liegt.7
Das sind weniger als zwei Menschen pro Tag, die in ganz Deutschland durch ein vollendetes vorsätzliches Tötungsdelikt sterben. Etwa 1,8 pro Tag, um genau zu sein. Von diesen Tötungen findet ein erheblicher Teil im sozialen Nahraum statt.
Der Partner als Täter: Die Statistik der häuslichen Gewalt
Hier wird es ungemütlich, denn die Zahlen erzählen eine Geschichte, die viele nicht hören wollen.
308 Frauen und Mädchen wurden 2024 in Deutschland gewaltsam getötet. 191 von ihnen – also fast zwei Drittel – durch Partner, Ex-Partner oder andere Familienmitglieder. Bei den vollendeten Partnerschaftstötungen waren 85 Prozent der Opfer weiblich.9
Noch deutlicher wird das Bild, wenn man die Beziehung zwischen Opfer und Täter betrachtet. Bei mehr als der Hälfte der weiblichen Tötungsopfer (54 Prozent) waren Partner, Ex-Partner (36 Prozent) oder Familienangehörige (18 Prozent) tatverdächtig.10 Bei Männern ist das Muster umgekehrt: 87 Prozent der männlichen Opfer wurden von Personen außerhalb von Partnerschaft und Familie getötet.
Fast 132 Frauen wurden 2024 durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet. 24 Männer starben durch ihre Partnerin oder Ex-Partnerin. Das sind etwa 3,6 Tötungen durch den Partner pro Woche in Deutschland.
Herzinfarkt und Schlaganfall: Die wahren Massenmörder
Und dann sind da noch die Todesursachen, die niemand fürchtet, weil sie nicht in Krimis vorkommen.
41.258 Menschen starben 2024 an einem akuten Herzinfarkt. 15.645 an einem Hirninfarkt, also einem Schlaganfall. Weitere 70.720 an chronischer Mangeldurchblutung des Herzens, 37.633 an Herzschwäche.12
Insgesamt starben 339.212 Menschen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung – das sind 33,7 Prozent aller Todesfälle in Deutschland. Zusammen mit Krebs, der ebenfalls mehr als ein Fünftel aller Todesfälle ausmacht, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs für 56,5 Prozent aller Sterbefälle verantwortlich.13
Rechnen wir das herunter: Von den etwa 2.700 Menschen, die täglich in Deutschland sterben, sterben mehr als 1.500 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Etwa 113 Menschen pro Tag sterben an einem akuten Herzinfarkt. 43 pro Tag an einem Schlaganfall.
Zum Vergleich: 1,8 Menschen pro Tag sterben durch Mord oder Totschlag.
Die Risikomatrix des Todes
Was bedeutet das konkret?
Nimmt man die beiden großen kardiovaskulären Akutereignisse – Herzinfarkt (41.258) und Hirninfarkt (15.645) – zusammen, kommt man auf etwa 56.900 Todesfälle. Setzt man diese ins Verhältnis zu den 668 vollendeten Tötungsdelikten, ergibt sich ein Faktor von etwa 85 zu 1.14
Die Wahrscheinlichkeit, an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben, ist also rund 85-mal höher als die, durch ein vollendetes Tötungsdelikt zu sterben. Die Wahrscheinlichkeit, an einem Verkehrsunfall zu sterben, ist etwa 4,2-mal höher als die, ermordet zu werden (2.780 zu 668). Und die Wahrscheinlichkeit, in einem heißen Jahr hitzebedingt zu sterben, liegt – je nach Schätzung – auf einem ähnlichen Niveau wie die Verkehrstoten.
Der Punkt, den die Zahlen machen
Die Zahlen sind eindeutig. Sie sagen nicht, dass Mord kein Problem ist. Sie sagen nicht, dass jede Tötung akzeptabel wäre. Sie sagen nur, dass unser Risikobewusstsein verzerrt ist – systematisch, kulturell, politisch.
Wer Angst vor dem Fremden hat, der nachts durch die Straßen schleicht, fürchtet ein Risiko, das statistisch verschwindend gering ist. Wer sich keine Gedanken über Ernährung, Bewegung und Blutdruck macht, ignoriert das Risiko, das ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit töten wird.
Und wer die Hitzetoten nicht sieht, weil sie keine Schlagzeilen produzieren, übersieht eine der am schnellsten wachsenden Todesursachen überhaupt – auch wenn die genaue Zahl mit Unsicherheiten behaftet ist.
Der Tod ist ein Statistiker. Er arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Gefühlen. Und die Statistik sagt: Wir sterben an dem, was wir nicht fürchten.
Fußnoten
- Robert Koch-Institut: „Hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland“ (Schätzung für 2024). Die Zahl 2.800 basiert auf dem RKI-Modell, das auf täglichen Sterbedaten und Temperaturaufzeichnungen beruht. ↩
- Vergleiche: „Übersterblichkeit im Sommer 2024“ – verschiedene wissenschaftliche Berechnungen, u. a. von der Universität Bern und dem Deutschen Wetterdienst. Die Spannweite erklärt sich durch unterschiedliche Modelle und Zeitfenster. ↩
- Zur Methodik der Hitzetoten-Schätzung: RKI, „Methodik der Schätzung hitzebedingter Sterbefälle“. Die Übersterblichkeitsmethode vergleicht beobachtete mit erwarteter Sterblichkeit. Sie ist die international übliche Methode, aber keine Individualerfassung. ↩
- Statistisches Bundesamt (Destatis): „Verkehrsunfälle 2024“ (Fachserie 8, Reihe 7). Die Zahl 2.780 ist der endgültige Wert für das Jahr 2024. ↩
- Zur fehlenden Vergleichbarkeit von Verkehrstoten und Hitzetoten: Destatis weist explizit darauf hin, dass Verkehrstote individuell erfasst werden, während Hitzetote Schätzwerte sind. Ein direkter Vergleich ist methodisch unzulässig, auch wenn er in der öffentlichen Debatte häufig gezogen wird. ↩
- BKA: Polizeiliche Kriminalstatistik 2024, Sonderauswertung „Mord und Totschlag“. Die Zahl 668 bezieht sich auf vollendete Fälle. ↩
- BKA: PKS 2024, Summenschlüssel 892000 (Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen). Die Zahl 2.303 umfasst vollendete und versuchte Taten. ↩
- Zur Dunkelfeldproblematik bei Tötungsdelikten: Die PKS weist für Tötungsdelikte eine Aufklärungsquote von über 90 Prozent aus. Das Dunkelfeld ist daher gering, aber nicht null. ↩
- BKA: Lagebild „Häusliche Gewalt 2024“. Die Zahl 191 bezieht sich auf vollendete Tötungen im Kontext von Partnerschaft, Ex-Partnerschaft oder Familie. ↩
- Ebd. Die Prozentangaben beziehen sich auf die Opfer-Täter-Beziehung bei vollendeten Tötungsdelikten. ↩
- Zur Kritik an der Pauschalaussage: Die Formulierung stammt aus der Kampagne „Der gefährlichste Ort ist das Zuhause“ (u. a. UN Women). Sie ist politisch motiviert und statistisch verkürzt. Richtig ist: Frauen werden überproportional häufig von Partnern getötet, aber die absolute Zahl der Tötungen durch Fremde ist für beide Geschlechter höher. ↩
- Destatis: „Todesursachen 2024“ (Fachserie 12, Reihe 4). Die Zahlen beziehen sich auf die ICD-10-Klassifikation: I21 (akuter Herzinfarkt), I63 (Hirninfarkt), I25 (chronische ischämische Herzkrankheit), I50 (Herzinsuffizienz). ↩
- Ebd. Die 339.212 Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen entsprechen 33,7 Prozent aller 1.005.000 Sterbefälle in Deutschland 2024. ↩
- Eigene Berechnung auf Basis der Destatis- und BKA-Zahlen. Die Faktoren sind Näherungswerte, da die Bezugsgruppen unterschiedlich sind (alle Sterbefälle vs. Tötungsdelikte). ↩
- Zur Methodenkritik an Risikovergleichen: Vergleiche zwischen individuell erfassten und geschätzten Todesursachen sind grundsätzlich problematisch. Sie dienen der Veranschaulichung, nicht der wissenschaftlichen Analyse. ↩

