Er hat Musik gemacht, die nach Abgrund klingt, aber auch mal als Sprecher in einem Anonymousvideo fungiert. Hätten die Piraten es in den Bundestag geschafft, dann wäre er auf Listenplatz 1 in Bayern im Bundestag gesessen.
Es gibt diese Nachrichten, bei denen man erst zweimal lesen muss. Bruno Kramm ist tot. 58 Jahre. Zu jung. Viel zu jung.
Ich kannte Bruno nicht in erster Linie als Musiker. Ich kannte ihn als Mitstreiter. Als Pirat. Als Taktiker, der wusste, wann man einen Antrag stellt und wann man besser einfach mal zuhört. Als jemanden, mit dem man sich auch mal gefetzt hat – und der danach immer noch wusste, dass man auf derselben Seite steht. Das ist keine Selbstverständlichkeit. In der Politik schon gar nicht.
Wer Bruno nur von der Bühne kannte, kannte ihn nicht. Auf der Bühne war er Das Ich: Synthesizer, schwarze Ästhetik, der charakteristische Sound, jemand, der die Schwarze Szene der Neunziger geprägt hat wie kaum ein zweites deutsches Projekt. Hinter dieser Maske steckte jemand, der genau wusste, dass sie eine Maske war, und der sie nach dem Konzert mit einer Leichtigkeit ablegte, die überraschte. Er war jemand, der einen Raum mit Freude füllte. Einfach so. Ohne Aufwand. Ohne Pose. Einfach Bruno.
Er kam zu den Piraten über das Urheberrecht. Das war kein Zufall: Er verstand die Frage als Musiker, Produzent und Labelmacher gleichermaßen aus dem Inneren. Als Gründer von Danse Macabre Records hatte er jahrzehntelang auf beiden Seiten des Tisches gesessen. Was ihn beschäftigte, war keine Ideologie, sondern Erfahrung.
Und er hat dafür gestritten. Nicht nur in Diskussionen, sondern vor Gericht. 2016 gewann er mit seinem Bandkollegen Stefan Ackermann eine Klage gegen die GEMA, die weit über seinen eigenen Fall hinauswirkte. Das Kammergericht Berlin entschied in letzter Instanz: Die GEMA darf keine Ausschüttungen an Verlage vornehmen – weder bei Vergütungsansprüchen noch bei Nutzungsrechten. Jahrzehntelang hatten Verlage sich rechtswidrig an Tantiemen bereichert, die den Urhebern zustanden. Bruno hatte das am eigenen Leib erlebt, dagegen geklagt und es ihnen ausgetrieben. Das Urteil war rechtskräftig. Die Konsequenzen real.
Ich erinnere mich noch an den Schlüssel. Den Schlüssel zur Landesgeschäftsstelle. Schopenhauerstraße 71 in München. Der Schlüssel, der sich in meinem Kopf immer wieder mit dem Namen Bruno Kramm verbindet. Bis zur Rückgabe. Eine kleine, unspektakuläre Tatsache – und doch eine, die für mich zu ihm gehört. Weil Bruno nicht nur auf Bühnen und in Gerichtssälen präsent war, sondern auch im Alltag der Piraten. Mit Schlüssel. Mit Verantwortung. Mit diesem speziellen Bruno-Selbstverständnis, dass man Dinge einfach macht.
Was man an ihm hatte: jemanden, der komplizierte Sachverhalte ohne Vereinfachung erklären konnte und trotzdem im Gespräch blieb, anstatt Vortrag zu halten. Einen feinen Kerl.
Am Freitagabend hat Das Ich in Granada gespielt, das erste Konzert des Duos im Süden Spaniens. Nach Medienberichten kam es danach zu einem medizinischen Notfall. Bruno wurde 58 Jahre alt.
Es trifft mich wie ein Schlag. 58 ist zu jung. Zu jung. Zu jung.
Und gleichzeitig bleibt so viel. Die Musik. Das Urteil. Der Schlüssel zur Schopenhauerstraße. Die Gespräche. Die Fetzereien. Das Vertragen.
Danke, Bruno.

