Trotz aller Verschiedenfarbigkeit sahen die Stationen alle gleich aus. Es waren nicht die verschiedenen Farben, denn so manche Station hatte gar keine Farben und war nur grau in grau mit farbigen Schildern. Andere strotzten dafür mit Blumen, Fotos, Bildern oder Texten - je nach Zeitalter der Errichtung der Station. Die Farben der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts verblasste da und dort. Dafür waren die neuen Stationen frisch. Selbst wenn erneuerte Rolltreppen hervorblinkten, sahen die Stationen alle gleich aus. Letztlich waren es Zweckgebäude, an denen Menschen ein-, aus- und umstiegen. Da schlenderte mit Ganggehabe ein Schwarzhaariger mit Kapuzenanorak dem Teenageralter gerade entwachsen an den Werbetafeln durch den unterirdischen Gang von einer Station zur anderen. Schlendern ist der falsche Ausdruck, denn das Tempo war für das Schlendern viel zu hoch. Aber der Gang schien abgekupfert von den Straßengangs der NewYorker-Kino- Slumviertelbewohner. Leicht mit den vorderen Fussballen nach außen zeigend und mit eingeknickten Knieen was aber bei der Schrittgeschwindigkeit, die dieser Möchtegerngangster an den Tag legte, komisch wirkte. Die Komik verstärkte sich durch den Kamelhaarmantelträger, der sich von hinten ihm näherte. Mit den blanken schwarzen Schuhen dem Kashmirschal und dem schwarzen Lederkoffer - es fehlte ihm eigentlich nur noch die Sonnenbrille zum Mafiosi.Keiner der beiden würdigte den Bisszeitungsverkäufer auch nur eines Blickes. Sie zogen an ihm vorbei als ob sie diesen nicht gesehen hätten. Geradezu würdevoll saß da der Obdachlose auf seinem Stuhl und bot die Obdachlosenzeitung schweigend an. Fast schamvoll stahl sich ein zierliches Persönchen an allen dreien vorbei, um in dem etwas rechts hinten gelegenen öffentlichen Damenklo zu verschwinden. In diesem Umsteigegang am Hauptbahnhof war das wohl die einzigste öffentliche Toilette ohne Bezahlung. Insofern stimmte es nicht, dass alle Stationen gleich waren - trotz dieser Nebensächlichkeit, die natürlich bei einem dringenden Bedürfnis so nebensächlich nicht war - waren die Stationen dann doch wieder zum verwechseln ähnlich. Den zwei gangsterähnlichen Typen stand in ihrem Lauf eine sich verabschiedende Mädchengruppe im Weg und sie mussten Haken schlagen, denn offensichtlich hatten beide das Ziel die Ubahn zu erwischen. Bussi links und Bussi rechts die fünf erwachsenen Frauen aber doch in ihrem Gehabe eher Mädchen trennten sich wohl hier auf, um verschiedene Linien zu nehmen. Der Strom der Fussgänger, die ja nur von A nach B wollten, wurde dadurch leicht gestört. Es kam mir vor, als ob jemand einen Stein in den Abflussstrudel der Menschenmassen geworfen hätte. Der Architekt, der den Übergang geplant haben musste, hatte genau an der Stelle etwas weniger Platz gelassen, sodass die nachströmenden Menschen an die Wände ausweichen mussten. Aber genauso schnell wie die Störung entstanden war, war sie auch schon wieder verschwunden. Ein Yuppie mit seinem Stadtrucksack reihte sich zu den zwei Typen ein und irgendwie passte er auch dazu. Zielstrebig ohne voneinander Notiz zu nehmen, hatten wohl alle drei das gleich Ziel. Prompt gesellte sich ein Arbeiter, der wohl auch nur Heim zu seiner Frau wollte, mit seiner etwas abgewetzten Ledertasche dazu. Und an der Rolltreppe dann reihten sie sich wie Perlen auf einer Schnur auf und trotteten hinunter zu ihrer Linie. Zwei der Damen von der Fünfergruppe trotteten hinterher. Unten angekommen wich das Trüppchen dann links und rechts einer jungen Mutter mit Kinderwagen aus. Brav stellten sie sich vor den Türen der einfahrenden Ubahn auf, um zunächst die Aussteigenden vorbeizulassen, um dann desto hektischer einzusteigen. Die Mutter tröstete ihren Kleinen und vergaß beinahe das Einsteigen. "Zurückbleiben bitte!" schnarrte der Ubahnfahrer durch sein Mikrofon und die Türen wollten schließen. Doch die Mutter war mit ihrem Kinderwagen erst halb herinnen. Die vier Männer hatten wohl keine Notiz voneinander genommen und so unterschiedlich sie auch gewesen sein mögen, sie standen nun links und rechts der Tür gleichverteilt. Sie entpuppten sich als Soldaten, denn die koordinierte Handlung des Türaufhaltens mit blossen Händen, auseinanderstemmen der Türe, hineinziehen der Mutter in einer koordinierten Aktion der acht Arme mit Einsatz von ein paar Beinen und ein bisschen Körper ohne untereinander nur ein Wort zu wechseln, ließ auf militärischen Drill schließen. Und wenn vielleicht einer möglicherweise kein Soldat gewesen sein mag, dann war er doch mindestens Feuerwehrmann oder ähnliches. Sprich irgendwann in seinem Leben in einer menschlichen Organisation gewesen, bei der das Handeln und der Drill so tief sitzt, dass es eben keiner Worte bedarf. Seltsam war dann auch das Schweigen danach, denn die Mutter war schon wieder vollauf mit ihrem fordernden Kind beschäftigt. Es vielen noch nicht einmal Dankesworte und der Waggon war so oder so schon viel zu voll. So löste sich die Schicksalsgemeinschaft des Erlebten in der Anonymität der Großstadt von Station zu Station auch wieder auf, da jeder an einer anderen der vielen gleichen Stationen wieder ausstieg.